Das g-Gestell im Darßwald


Auf dem g-Gestell, Juni 2017
Auf dem g-Gestell, Juni 2017

Nee. Nee. Beim g-Gestell auf dem Darß handelt es sich weder um eine alte Ruine noch um ein Baudenkmal oder sonst irgendein technisches Bauwerk bzw. Gerät. Es geht um einen Wanderweg durch den Darßer Urwald, der Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft ist. Beginnend am Nordstrand und vorbei an Prerow führt dieser wunderbare Weg bis nach Born an den Bodden.

Moosskulptur, Juni 2017
Moosskulptur, Juni 2017

Das g-Gestell ist für Radfahrer zugelassen, die von Born aus über Wiek nach Prerow zurückkehren können - eine recht lange, abwechslungsreiche Tour mit Einkehrmöglichkeiten in allen Ortschaften. Gesagt sei, dass das g-Gestell für Radfahrer einige Überraschungen parat hält. Alte Betonplatten wechseln sich mit sandigen Streckenabschnitten ab. Und wenn es sehr viel geregnet hat, wartet ab und zu eine Menge Matsch oder Wasser auf die Räder. Zu Fuß ist diese Strecke nur sehr geübten Wanderern zu empfehlen, denn sie zieht sich ziemlich hin. Und wenn man unterwegs Flora und Fauna bestaunt, fotografiert und beobachtet ... Na ja. Empfehlenswert sind außerdem die Querwege (z.B. Mittelweg oder Langseer Weg) zum Weststrand, von denen allerdings nicht alle mit dem Fahrrad befahren werden dürfen. Und: Der Hinweis "Dieser Weg ist für Radfahrer nicht geeignet" entspricht den Tatsachen und sollte durchaus ernst genommen werden. Ich habe auf den derart gekennzeichneten Wegen schon so manchen Radfahrer fluchend sein Gefährt schieben sehen, weil der Weg aufgrund von Unebenheiten, Hindernissen, Wasserlachen usw. nicht radelnd passierbar war. Insbesondere Kinder verlieren auf diesen Wegen schnell die Lust am Radwandern. Einfach, weil es für sie viel zu anstrengend ist. Nutzen Sie also jene Wege zum Radwandern, auf denen dies erstens gestattet und zweitens möglich ist. Und machen Sie sich darauf gefasst, dass es auf diesen Strecken auch jene Menschen gibt, die sich zu Fuß fortbewegen. Manche haben sogar einen Kinderwagen und/oder einen Hund dabei. Ja, wirklich wahr. Auf dem g-Gestell ist man selten allein.

Dünenkiefernwald, August 2017
Dünenkiefernwald, August 2017

Die Namen der Waldwege im Darßwald gehen übrigens auf ein preußisches System der Forstwegbenennung zurück, wonach die Wege Buchstaben bekommen - aufsteigend Richtung Weststrand (da gibt es dann das k-Gestell). Wie dem auch sei: Auf jeden Fall lässt sich der Wald in seiner ganzen unvergleichlichen Vielfalt vom g-Gestell aus bequem erleben und erkunden. Von Sonnenlicht durchflutete Kiefernwälder, die auf alten Dünen gedeihen und in denen die Rentierflechte als eiszeitliches Relikt den Boden überzieht, wechseln sich ab mit feuchten Erlenbrüchen und urigen Buchen, in denen Spechte wie der Schwarz- und Buntspecht ihren Lebensraum haben. Wegen der Dünen ist der Dünenkiefernwald übrigens eine recht hügelige Angelegenheit, die von den Einheimischen liebevoll "Prerower Alpen" genannt wird.

An heißen Sommertagen ist der Darßwald eine ausgesprochene Wohltat, denn hier ist es frisch und kühl. Allerdings fallen Milliarden Mücken über einen her - darauf sollte man vorbereitet sein, das sei gesagt. Überhaupt - der Sommer im Darßwald. DAS Erlebnis schlechthin für alle, die von der Kreativität der Natur nicht genug bekommen können.

Vor allem in den Erlenbrüchen und Wasserläufen, die parallel zum g-Gestell verlaufen, explodiert im Juni das Leben: Wasserfeder und Gelbe Schwertlilie blühen mit der Waldrebe und unendlich vielen anderen Pflanzen um die Wette. Hier und da wächst die Breitblättrige Stendelwurz am Wegesrand, eine der wenigen einheimischen Orchideen im Gebiet und an manchen abzweigenden Wegen der Europäische Siebenstern. Farne, Simsen und Binsen strahlen in verschiedensten Grüntönen und zaubern filigrane Spiegelbilder auf die Wasseroberfläche.

Wasserfeder (Hottonia palustris), Juni 2017
Wasserfeder (Hottonia palustris), Juni 2017

Liegendes Totholz und Baumstümpfe sind von verschiedenen Flechten und Moosen überzogen. Pilze, Käfer, Insekten und andere Wesen haben hier ihr zu Hause. Manche der überwucherten Baumstümpfe sehen aus wie Skulpturen, von der Natur geschaffene Kunst (zumindest in unseren Augen). Dazu die markanten Baumgestalten und das Vogelgezwitscher ... selbst Blüten und Blätter werden zu Minilebensräumen, in denen sich Insekten tummeln. Schon allein beim Betrachten einer Schwertlilienblüte offenbart sich ein kleines Universum voller Lebewesen. Im trüben Wasser suchen Teichmolche unter den Blättern der Wasserfeder Schutz vor Feinden und mit sehr viel Glück kreuzt eine Ringelnatter oder gar Kreuzotter den Weg. Wer sich für Schmetterlinge interessiert, sollte überall dort, wo es blüht, sehr aufmerksam sein, denn so manche Seltenheit flattert einem im Darßwald über den Weg. Kaisermantel und Kleiner Eisvogel seien stellvertretend genannt. Jene, die auf eine Begegnung mit Fuchs, Rotwild, Dachs oder Kranich aus sind, sollten möglichst früh oder spät unterwegs sein - dann, wenn die Schar der Wanderer noch nicht oder nicht mehr den Wald unsicher macht. Tja, erlebt man das undurchdringliche, verschlungene Grün im Juni, weiß man, dass die Bezeichnung "Darßer Urwald" nicht von ungefähr kommt.

Breitblättrige Stendelwurz, August 2017
Breitblättrige Stendelwurz, August 2017

In jedem Grashalm, in jeder Libelle, in jedem Schneckenhaus zeigt sich die unbändige Kraft des Lebens. Großartig. Überwältigend.  Eine Sinfonie aus Farben, Formen, Geräuschen und Gerüchen, die unsereins in Deutschland nur noch selten erleben kann. Ein Fest für alle Sinne, das Jucken der Mückenstiche inbegriffen. Während Frühling und Sommer die Zeit der Blüten und Insekten ist, ist der Herbst die Zeit des Nebels und der Pilze, Früchte und Moose. Und selbstverständlich der Hirschbrunft - aber die findet entweder versteckt im Wald statt oder vor der grandiosen Kulisse der Ostsee am Rundwanderweg. Wenn die Blätter fallen und der Dschungel sich lichtet, eröffnen sich weite Ausblicke in den Wald hinein. Was im Sommer geheimnisvoll wirkt, liegt nun offen vor uns. Alte Buchen entpuppen sich ihres Laubes beraubt als eindrucksvolle Baumpersönlichkeiten, gezeichnet von Wind und Wetter, umgeben von pilzstrotzendem Totholz und bemoosten Baustümpfen - von der Natur geschaffene Skulpturen. Jede für sich ein Unikat. Auf den Herbst folgt der Winter. Und die Stille. Die dann und wann vom leisen Fiepen der hier überwinternden Wintergoldhähnchen oder dem Schrei rastender Wildgänse durchbrochen wird.

Leider hatte ich noch nicht das Glück, auf einem verschneiten g-Gestell herumlungern zu können. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass das g-Gestell auch im Winter ein grandioses Erlebnis ist. Übrigens: Die hier gezeigten Fotos sind alle vom Weg aus gemacht. Ganz so, wie es sich in einem Nationalpark gehört.

 

PS: Wer bis nach Wiek kommt, sollte unbedingt das Nationalpark-Zentrum "Darßer Arche" mit seinen vielfältigen, unheimlich interessanten Ausstellungen über das Gebiet besuchen (und den wunderbaren Kuchen im Café genießen): Darßer Arche