Am Darßer Weststrand


Am Weststrand, 02.12.2017
Am Weststrand, 02.12.2017

Keine Internetseite über Fischland, Darß, Zingst ohne den Weststrand - das ist doch wohl klar. Schließlich ist dieser von Ahrenshoop bis zum Darßer Ort reichende, über 10 Kilometer lange Küstenabschnitt eine DER Sehenswürdigkeiten dieser Halbinsel, die in keinem Reiseführer, keiner Fernsehdokumentation, keinem Buch fehlt. Von daher leg ich jetzt mal los: Oft werde ich gefragt, wann es am Weststrand am schönsten ist. Im Frühling oder Sommer? Herbst oder Winter? Morgens, mittags, abends? Ehrlich gesagt, ich finde ihn dann am schönsten, wenn keine Menschen am Strand sind. Ja, ich bin gern mit mir und der Natur allein. Maximal dürfen noch ein paar mir liebgewordene Menschen dabei sein, die die Natur genauso zu schätzen wissen wie ich und auch mal still sein können. Aber das nur nebenbei.

Morgen am Darßer Ort, 18.09.2015
Morgen am Darßer Ort, 18.09.2015

Tatsächlich grenzt ein menschenleerer Weststrand an ein Wunder, denn irgendeiner ist immer da. Und seien es nur die Ranger. Aber von Ende Oktober bis Mitte Dezember und im Januar machen nur wenige Urlauber die Gegend unsicher und man hat gute Chancen, den Strand wenigstens zeitweise für sich zu haben. Außerhalb dieser Zeiten ist mir der frühe Morgen am liebsten, und zwar bis gegen 10.00 Uhr. Ist das Wetter schön, machen sich nach dem Frühstück nämlich wahre Urlauberhorden mit Kind und Kegel, Hund und Handwagen, zu Fuß oder mit dem Rad durch den Darßwald auf den Weg nach Westen und mit der Ruhe ist es vorbei.

Im Sommer belagern dann unendliche viele Badegäste den Strand, die sich aus Treibholz beeindruckende Burgen bauen, um sich gegen den beständig wehenden Wind  und die Blicke der anderen zu schützen. Und die Sonnenuntergangsgucker natürlich, die den Heimweg durch den stockdunklen Darßwald antreten müssen, was mit Sicherheit auch ein tolles Erlebnis ist. Im Herbst und Frühling gehört der Weststrand den Wanderern - einzeln, paarweise, in Gruppen - sie sind überall. Selbst Radfahrern begegnet man in diesen Zeiten am Strand, obwohl das im Nationalpark verboten ist. Einen vorwurfsvollen Blick in ihre Richtung oder gar eine Ansprache sollte man übrigens tunlichst vermeiden. Denn erstens wissen sie sehr genau, dass sie Verbotenes tun und zweitens ist es recht anstrengend, das Gefährt im Sand zu bewegen und das nach einer kilometerlangen Anfahrt - diese Gefühlswelt ruft schwuppdiwupp verbale Aggressionen hervor und die muss sich niemand an so einem phantastischen Ort geben. Gelassen sollte man auf die Ranger vertrauen, die den Strand und somit auch die Radfahrer immer irgendwie im Blick haben. Die Ranger kennen ihre Pappenheimer.

Am Weststrand, 02.12.2017
Am Weststrand, 02.12.2017

Ab Mitte Dezember erobern die Weihnachts- und Jahreswechselgäste den Darß. Deren Fußmarsch zwischen Frühstück und Gänsebraten ist ein Muss. Genauso wie der Neujahrsspaziergang. Tradition ist eben Tradition, nicht wahr. Auch wenn die meisten wegen der Kälte und des starken Windes nur kurz am Strand verweilen oder es bei einem Blick von der Düne auf die Ostsee belassen. Im Februar dann erscheinen die Winterurlauber und hoffen meistens erfolgreich auf Schnee. Je nach Wetterlage und Jahreszeit tauchen außerdem Bernstein- und Fossiliensammler,  Vogelbeobachter sowie fotografierende Zweibeiner auf. Es gibt einfach ständig für sehr viele Menschen irgendeinen Grund, den Weststrand zu besuchen.

Soooo. Das Vorgenannte bedeutet natürlich keinesfalls, dass nur ein menschenleerer Weststrand ein Erlebnis ist. Das ist nämlich nicht der Fall. Dieser einmalige, naturbelassene Strand ist immer sehens- und erlebenswert. An kaum einem anderen Ort der Ostseeküste präsentiert sich die Natur derart weitläufig so wie sie nunmal ist. Es gibt kein Ordnen. Kein Lenken. Kein Reparieren. Und genau das macht die Großartigkeit des Weststrandes aus. Sind keine oder nur wenige Menschen unterwegs, gehört er dem Wind, den Wellen und den Tieren. Diverse Vögel suchen im Spülsaum der Ostsee oder am Strand nach Nahrung. Wildschweine, Rehe und Füchse versuchen ebenfalls dann und wann ihr Glück. Regelmäßig patroulliert eine Kolkrabenfamilie im Tiefflug über den Sand und hält Ausschau nach Fressbarem.

Windflüchter am Weststrand, 27.11.2017
Windflüchter am Weststrand, 27.11.2017

Entwurzelte Bäume, Berge von angespülten Muscheln oder Quallen sowie spärliche Überreste von verendeten Vögeln zeugen jedoch davon, dass es das Leben an diesem Ort nicht leicht hat und der Tod niemals weit ist. Bei stürmischem Wetter, mittendrin im Tosen des Meeres und gewaltigen Brausen des Windes fühlt man sich schnell klein und unbedeutend und ist trotzdem völlig fasziniert von diesem Schauspiel der Naturgewalten, der Ursprünglichkeit dieser Landschaft. Wenn ich nach solchen Stunden den Weststrand verlasse, fühle ich mich frei. Zufrieden. Alle Sorgen sind weit weg. Demütig verneige ich mich vor der Kraft des Lebens, der Natur. Was zählen in solchen Momenten die inzwischen eiskalt gewordenen Füße oder Hände, der Sand in den Augen (und zwischen den Zähnen) - nichts. Einfach nichts. Ich weiß. Diese Worte klingen irgendwie kitschig. Übertrieben oder klischeehaft. Aber so ist es nunmal, was soll ich sagen ...

Ob stürmische See oder sommerlicher blauer Himmel - zu jeder Jahres- und Tageszeit hat der Weststrand Interessantes zu bieten. Nehmen wir mal nur die berühmten Windflüchter - allseits bekanntes Motiv auf Kalendern, Postkarten sowie in Reiseführern. DAS Symbol des Darßes schlechthin - vom stetigen Westwind dazu gezwungene Kiefern, völlig verbogen in eine Richtung zu wachsen. Schaut man sich die Bäume und Sträucher an der Grenze zwischen Strand und Wald mal genau an, wird einem klar, dass jeder Strauch und Baum ein Windflüchter ist. Überlebenskünstler voller Kraft, die den Stürmen trotzen, bis das Wasser ihre Wurzeln freispült und sie sich nicht mehr halten können.

Altes Bootswrack am Weststrand, 27.11.2017
Altes Bootswrack am Weststrand, 27.11.2017

Zu unseren Füßen hat der Wind skurile Muster in den Sand gezeichnet, hervorgerufen durch kleine Hindernisse wie Steinchen oder Grashalme, die sich im Wind drehen. Farbige Gebilde zeigen sich dort, wo Wasser mineralienreichen Sand zusammenfließen ließ. Und auch am Spülsaum lohnt sich der Blick nach unten: Bernstein, Muscheln, versteinerte Seeigel, von Wasser und Wind ausgebleichtes und merkwürdig verformtes Holz - Strandgut, von dem so manches Stück den Weg in die Jackentasche oder den Rucksack findet. Und ganz selten hält das Meer nach einem kräftigen Sturm ganz besondere Überraschungen bereit. So wie im November 2017, als ein uraltes Bootswrack zum Vorschein gekommen ist. Bei all den phantastischen Dingen sollte man jedoch niemals versäumen, einfach stehen zu bleiben oder sich in den Sand zu setzen, um den Blick über den gesamten Strand, das Meer und den Himmel schweifen zu lassen. Es ist ein Panorama aus Farben und Formen, Gerüchen und Geräuschen, das man nicht oft geboten bekommt. Einzigartig und jedes Mal anders. Der Weststrand sieht nie gleich aus. Veränderung ist hier Programm, alles ist unablässig in Bewegung. Bäume stürzen, werden zusammengeschoben und bilden bleiche Skulpturen. Sand wird abgetragen und bildet Kilometer entfernt neues Land. Ist der Strand an einem Tag mit Steinen übersät, präsentiert er sich an einem anderen steinfrei und wie leergefegt. Mal zieht sich das Wasser weit zurück, mal steht es so hoch, dass es den Wald berührt. Egal, wie Sie den Weststrand vorfinden: Genießen Sie ihn. Nehmen Sie sich Zeit. Lassen Sie alles auf sich wirken. Das farbenfrohe sommerliche, laute Gewimmel genauso wie den stillen, grauen Novembertag. Apropo "grau". Da ich aus den oben genannten Gründen bevorzugt im November, Dezember und Januar den Weststrand aufsuche, wirken meine Fotos oft düster. Sonnenschein ist in diesen Monaten halt Mangelware ...

Am Weststrand, 02.12.2017
Am Weststrand, 02.12.2017

Ich treibe mich übrigens bevorzugt zwischen Müllerweg und dem abgezäunten Beginn der Kernzone am Darßer Ort herum. Das hat damit zu tun, dass ich stets zu Fuß unterwegs bin und Langseer bzw. Müllerweg für mich zu den abweichslungsreichsten Wegen durch den Darßwald gehören. Insbesondere an stürmischen Tagen ist es ein einzigartiges Erlebnis, sich über die Wege des Darßwaldes dem Weststrand zu nähern. Wenn der Wind die Geräuschkulisse des aufgewühlten Meeres in den Wald hineinträgt, wo sie sich mit dem Rauschen und Brummen der vom Sturm bewegten Bäume vermischt - das hat schon was, ist manchmal aber auch ein wenig unheimlich. Ich gehe entweder von Prerow aus den Langseer Weg zum Weststrand, dann links am Strand entlang bis zum Müllerweg und durch den Darßwald wieder zurück. Oder am Strand rechts entlang bis zum Leuchtturm. Dort gönne ich mir im Leuchtturmcafé eine Pause, um mich danach am Strand bis zum Beginn der eingezäunten Kernzone weiterhin rechts zu halten. Dann biege ich auf den Rundwanderweg ein. Am Nothafen angekommen, laufe ich entweder am Nordstrand oder durch den Darßwald zurück nach Prerow. Für welche Alternative ich mich entscheide, hängt davon ab, wie viel Zeit und Lust ich noch habe. Die Tour Langseer Weg - Weststrand - Rundwanderweg - Nordstrand oder Darßwald sollte als Tagesausflug geplant werden und kann nur zu Fuß erlebt werden. Für Kinder ist sie aufgrund der Länge und den unterschiedlichen Geländetypen nicht geeignet (für den Kinderwagen ebenfalls nicht). Im Winter, wenn das Tageslicht nicht so lange zur Verfügung steht wie in den anderen Jahreszeiten, sollte man nicht allzu viel Zeit mit Staunen, Strandgutsammeln und/oder Fotografieren verbringen, damit man nicht in die Dunkelheit gerät.

Sandgemälde am Weststrand, 27.11.2017
Sandgemälde am Weststrand, 27.11.2017

Zum Leuchtturmcafé sei noch gesagt, dass man dort 5 Euro Eintritt bezahlen muss, da die Lokalität Teil des Natureums, also des Darßer Naturkundemuseums ist und Museen kosten nunmal überall Eintritt. Sowohl die Ausstellungen als auch die grandiose Aussicht vom Leuchtturm sind die 5 Euro aber allemal wert. Und: Dieses Café stellt weit und breit die einzige Einkehrmöglichkeit dar. Von daher sollte jeder daran denken, ausreichend Getränke und Proviant mitzunehmen. Wer am Darßer Leuchtturm angekommen ist und den weiteren Fußweg nach Prerow scheut, kann sich übrigens in den Pferdewagen am Haltepunkt setzen (kostenpflichtig). Oder sich über die bedeutend kürzere Strecke des Rundwanderweges Richtung Nothafen begeben, wo sich eine Haltestelle der Bäderbahn befindet (Kurkarte mitnehmen). Außerhalb der Saisonzeiten sollte man sich unbedingt darüber informieren, ob die genannten Verkehrsmittel zur Verfügung stehen oder nicht.

 

Abschließend möchte ich noch folgendes loswerden: Zum einen, dass im Internet allerlei Irrtümer über den Weststrand kursieren. Zum Beispiel, dass er ein ideales Hundeauslauf- und Surfgebiet ist. Das gilt nur für einen kleinen Teil des Weststrandes. Hinter Ahrenshoop, dort, wo der Darßwald beginnt, betreten Sie den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, zu dem auch einige hundert Meter Ostsee gehören. Die Hinweisschilder mit den Regeln sind nicht zu übersehen. Ab hier sind Hunde anzuleinen. Surfen ist verboten. Man muss für das Frönen dieser Leidenschaften also auf jene Gebiete ausweichen, in denen man sie ausleben darf. Und davon gibt es auf Fischland - Darß - Zingst mehr als genug. Zum anderen begegne ich immer wieder Menschen, die sich darüber aufregen, dass sie für einen Besuch im Leuchtturmcafé 5 Euro bezahlen müssen. Auch dann, wenn sie sich die Ausstellungen gar nicht ansehen möchten und lediglich einen Kaffee trinken wollen. Liebe Leute, das ist durchaus eine Praxis, die in Museen üblich ist, wenn sie eine Lokalität beheimaten. Außerdem sollte man bedenken, dass ein Nationalpark jede Menge Geld kostet: Es werden Ranger beschäftigt, die sich sowohl um den Erhalt der Naturausstattung (Kartierungen, Vogelzählungen ...) als auch um die Besucher kümmern (Führungen, Ansprechpartner unterwegs ...). Wege müssen instandgehalten, Sturmschäden und Müll beseitigt werden. Usw. Usf. Das alles kostet Sie als Besucher keinen Cent. Denken Sie mal drüber nach!