Pflanzen auf Rügen - Feuchtgebiete


Blüte der Gewöhnlichen Pestwurz (Petasites hybridus) an einem Graben bei Lancken-Granitz
Blüte der Gewöhnlichen Pestwurz (Petasites hybridus) an einem Graben bei Lancken-Granitz

Mit Feuchtgebieten sind Quellen, Bäche, Teiche, Gräben sowie die sumpfigen Ufer von Bodden und Seen gemeint. Selbstverständlich müssten auch die Moore hier Erwähnung finden, aber bisher hatte ich keine Gelegenheit ein Moor näher zu betrachten. Das Gleiche gilt für die Sölle, meist kreisrunde, von Sträuchern gesäumte Gewässer inmitten der Felder. Bei Söllen handelt es sich um Hinterlassenschaften der letzten Eiszeit. Sie entstanden durch liegen gebliebenes, von den Gletschern abgetrenntes Eis,  sogenanntes Toteis: Die Eisblöcke wurden nach und nach mit Erde und Pflanzenmaterial bedeckt und tauten deshalb nur langsam ab. Übrig blieben die runden Kleingewässer, in und an denen eine überaus interessante Flora und Fauna gedeiht, wenn sie durch die Landwirtschaft nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen werden. Da sich Sölle in der Regel nicht am Wegesrand befinden, sind sie für meinereine nicht zugänglich und fallen deshalb wie die Moore hier unter den Tisch. Die anfangs aufgezählten Feuchtbiotope und Gewässer hingegen sind auf Rügen recht häufig und auf Wanderungen erlebbar. Ich muss allerdings zugeben, dass ich der dortigen Pflanzenwelt bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. Und das, obwohl in der Welt aus Wasser und Böden sehr viele Schön- und Seltenheiten, Spezialisten und Allerweltsgewächse zu finden sind. Sumpfdotterblumen und die Gewöhnliche Pestwurz seien genannt - beide Pflanzen waren in meiner Kindheit Allerweltspflanzen, die man nicht lange suchen musste. Ziemlich zeitig im Jahr brachten sie Farbe in die noch von den Wintermonaten gezeichnete Landschaft. Die riesigen Blätter der Pestwurz bildeten endlose Teppiche und dienten uns Kindern als Bedeckung unserer selbstgebauten Hütten oder als Versteck vor der krawalligen Jungenbande aus dem Nachbarort. Da die Lebensräume für Feuchtigkeit liebende Pflanzen zunehmend durch Bebauung und Trockenlegung verschwinden, muss man sich heutzutage wirklich freuen, wenn man die rötlichen Blütenstände der Gewöhnlichen Pestwurz oder die sonnengelben Blüten der Sumpfdotterblumen bestaunen darf.

Fuchs` Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii) an einem kalkhaltigen Quellsumpf auf dem Jasmund
Fuchs` Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii) an einem kalkhaltigen Quellsumpf auf dem Jasmund

Sumpfdotterblumen habe ich auf Rügen übrigens nicht nur auf Feuchtwiesen wie in der Nähe von Groß Zicker, sondern auch an den Ufern der Teiche, Seen und Gräben entdeckt. Hier und da leuchten sie außerdem in nassen Erlenbrüchen zwischen dem noch zaghaft sprießenden Grün der Sträucher, Bäume und Kräuter hindurch oder zieren gemeinsam mit dem seltenen Sumpf-Schachtelhalm sumpfige Boddenufer. Daneben gehören auch Blutweiderich, Froschlöffel, Seerosen, Teichmummel, Laichkraut, Gelbe Schwertlilie und und und zur Flora der nassen Lebensräume. Nicht unerwähnt bleiben darf die einzigartige Pflanzenwelt der kalkhaltigen Quellsümpfe auf dem Jasmund. Neben Sumpfdotterblume, Echter Brunnenkresse, Echtem Lungenkraut oder der Wald-Schlüsselblume gedeihen in diesen Biotopen sogar Orchideen wie das Große Zweiblatt oder Fuch`s Knabenkraut. Eine reichhaltige Flora findet sich außerdem dort, wo die Bäche des Jasmunds den Wald verlassen und den Blockstrand erreichen. Wo das schattige Reich der Bäume endet und das lichte der Steine beginnt, finden sich verschiedene Pflanzen ein, zum Beispiel die Bachbunge, das Ruprechtskraut oder der beeindruckende Gruß aus der Urzeit - der Riesen-Schachtelhalm. Dort, wo am Fuß der Kreidefelsen Wasser austritt, kann man Kostbarkeiten wie das Sumpf-Herzblatt sehen, wenn man gerade zur richtigen Zeit vor Ort ist. Insbesondere im Frühling ist die Artenvielfalt dieser Lebensräume ein phantastisches Erlebnis, das ich zusammen mit dem frisch ergrünenden Wald und dem Rauschen der nahen Ostsee stets aufs Neue genieße.

Schilfgebiet am Neuensiener See zwischen Seedorf und Lancken-Granitz
Schilfgebiet am Neuensiener See zwischen Seedorf und Lancken-Granitz

Während die Pflanzen der kalkhaltigen Quellsümpfe oder der Bachaustritte auf dem Jasmund oft zu seltenen Spezialisten zählen, ist  eine Allerweltspflanze, die sowohl an Seen und Teichen als auch an den Bodden oder an Gräben sowie auf nassen Wiesen gedeiht, so sehr ein selbstverständlicher Anblick, dass sie kaum wahrgenommen wird: das Schilfrohr. Schilfrohr prägt nicht nur ganze Landschaften. Es ist bedeutender Lebensraum für unzählige Pflanzen und Tiere und Teil der Rügener Kultur, der sich in den Reetdachdächern der typischen Rügener Häuser offenbart. Schilfrohr ist Lebensraum. Schilfrohr ist Nahrung. Es reinigt Wasser und Boden von Schadstoffen. Und es ist Baustoff. Meistens laufen wir ja achtlos an den teilweise riesigen Schilfgebieten Rügens vorbei. Schilf, das ist halt einfach irgendwie da und noch dazu sehr häufig. Tatsächlich könnte man seitenweise über diese Pflanze schreiben, wenn man es will und vor allem, wenn man genug darüber weiß. Letzteres trifft auf mich definitiv nicht zu. Deshalb belasse ich es bei kurzen Bemerkungen über diese außergewöhnliche und so wichtige Pflanze. Ich erwähnte bereits, dass ich der Pflanzenwelt der nassen bzw. feuchten Lebensräume ebenso wie dem Schilfrohr bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. Das wird sich in den nächsten Rügenurlauben definitiv ändern. Allen botanisch Interessierten, die auf Rügen unterwegs sind, sei gesagt, dass es in allen Feuchtbiotopen, an allen Ufern Unmengen von Pflanzen zu entdecken gibt. Also: Augen auf und viel Freude.

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