Premieren


Sonnenaufgang am Lobber Ort.
Sonnenaufgang am Lobber Ort.

Wow. Mein erster Urlaubstag! Endlich! Wie immer werde ich kurz vor fünf wach, denn das ist meine normale Aufstehzeit und der Körper folgt seinem gewohnten Rhythmus. Kaffee kochen und trinken, ein bißchen rumhängen, etwas frisch machen und dann Pudelmütze auf, Klamotten an und ab zum Strand. Der Sonnenaufgang ruft. Tochter und Schwiegersohn in spe schnarchen noch friedlich. Ganz leise schleiche ich mich davon. 20 Minuten nach sechs stehe ich auf dem Strandübergang. Und staune. Meine Güte, ist das schön.

Blick vom Deich in Lobbe.
Blick vom Deich in Lobbe.

Unmittelbar am Lobber Ort kündet die Sonne blutrot ihr Erscheinen an. Die Steilküste bildet als tiefschwarze Silhouette einen prägnanten Kontrast zur dämmernden Umgebung und wirkt fast unheimlich. Träge plätschert das Wasser der Ostsee ans Ufer, ein Fuchs trollt sich am Rand der Dünen. Kein Mensch zu sehen. Nur ich. Und das Meer. Stille. Wunderbar.

Ich atme durch, genieße den Augenblick und mache meine Fotos. Sehe zu, wie die aufsteigende Sonne unablässig neue Farbtöne an den Himmel und auf das Wasser zaubert. Kurz vor sieben ist die Wolkenmalerei dann leider vorbei. Unser Zentralgestirn hat den Horizont überschritten und überstrahlt nun alles. Immer mehr Menschen tauchen auf. Manche joggen, manche führen ihren Hund aus. Andere setzen sich in den Sand und blicken aufs Meer. Möwen, Kormorane und Krähen beginnen, sich der Nahrungssuche zu widmen. Schwäne recken ihre schneeweißen Flügel und starten lärmend in den Morgenhimmel. Zeit für mich, ins Urlaubszuhause zurückzukehren. Auf dem Deich angekommen sehe ich mit Freude, dass die Sonne noch nicht ganz ausgezaubert hat. Weißer Nebel verhüllt einen Teil der Landschaft und bildet zusammen mit den von der noch tiefstehenden Sonne angestrahlten Wolken ein beeindruckendes Panorama. Was für ein gelungener Start in den Tag!

Der "Rasende Roland".
Der "Rasende Roland".

In der Ferienwohnung erwarten mich Sabrina und Christoph ungeduldig mit Frühstück. Wir wollen beizeiten los, denn uns stehen zwei Premieren bevor: Die Fahrt mit dem Rasenden Roland! Ja, wirklich wahr. In keinem unserer unzähligen Rügen-Urlaube haben wir es geschafft, diesen legendären Zug zu besteigen. Kein Witz! Und damit nicht genug. Das Jagdschloss Granitz haben wir nämlich ebenfalls noch nie besucht. Beides steht für heute auf dem Plan. Also verschwinde ich nach dem Frühstück im Bad, um mich ausgehfertig zu machen.

 

Kurz nach 10 erreichen wir den Bahnhof in Göhren. Erfreulicher Weise müssen wir nicht lange auf den nächsten Zug warten. Als wir unsere Fahrkarten kaufen, müssen wir jedoch erst einmal schlucken, denn die Preise sind echt happig. Okay. Man hat ja Urlaub und gönnt sich was, nicht wahr.  In der Hoffnung auf ein paar gute Fotos des weltweit bekannten Rüganers auf Schienen postieren wir uns am Kopf des Bahnhofs und vernehmen kurz darauf das charakteristische Tuten des Zuges, das meist über das gesamte Mönchgut schallt. Nachdem wir das schnaufende Gefährt ausgiebig geknippst haben, steigen wir ein. Mutig wie wir sind, wählen wir den offenen Wagen. Das Wetter ist gut, nicht kalt und windstill. Und fototechnisch dürfte dieser Wagen auch von Vorteil sein. Haben wir zumindest gedacht. Ziemlich schnell mussten wir allerdings lernen, dass es alles andere als einfach ist, den fahrenden Zug aus dem Wagen heraus zu fotografieren. Prinzipiell geht das nur in langgezogenen Kurven und die sind auf der Strecke bis zum Jagdschloss Granitz rar gesät. Außerdem ist ständig etwas im Weg: Bäume, Sträucher, Masten und nicht zuletzt all jene Leute, die die Gelegenheit zum Knippsen genauso nutzen wollten wie wir. Ein Foto vom fahrenden Zug war mir jedenfalls nicht vergönnt. Dafür jede Menge Aufnahmen von fremden Hinterköpfen sowie Händen mit Smartphone ...

Im Jagdschloss Granitz.
Im Jagdschloss Granitz.

Die Haltestelle  "Jagdschloss Granitz" ist unsere. Der Weg zum Schloss führt durch herrlichen Buchenwald mit einigen uralten, imposanten Baumgestalten, die mehr als einen kurzen Blick wert sind. Am Ziel unseres Fußmarsches genehmigen wir uns Kaffee und Kuchen. An dieser Stelle sei gesagt, dass man sich auf keinen Fall an der ersten sichtbaren Lokalität niederlassen sollte. Die Preise dort sind unverschämt und stehen in keinem Verhältnis zur miesen Qualität des Angebotes. Stattdessen sollte man das im hinteren Teil des Schlosses gelegene Restaurant mit hervorragender Küche aufsuchen oder die Treppe vor dem Eingang nehmen, um zum unten gelegenen Ausflugslokal zu gelangen. Aber das nur am Rande. Während Sabrina und Christoph im Jagdschloss verschwinden, mache ich die Gegend unsicher. Da ich nicht schwindelfrei bin, verzichte ich auf den Aufstieg und somit auch auf die phantastischen Ausblicke vom Turm des Jagdschlosses. Eine gute Stunde später finden wir uns alle drei in einer höchst sehenswerten Ausstellung des Biosphärenreservats Südost-Rügen wieder, in der man sich ausführlich über die Flora und Fauna, Geologie und Ökologie dieser Gegend informieren kann.

"Rauchlichtspiele".
"Rauchlichtspiele".

Anschließend wandern wir gemächlich durch die Wälder der Granitz zum Bahnhof Garftiz, um von dort über Göhren nach Hause zurückzukehren. Den Tagesabschluss bildet ein Abendspaziergang über den Deich zwischen Lobbe und Middelhagen mit einer herrlichen Abendstimmung sowohl über den Zickerschen Bergen als auch am Reddevitzer Höft in der Ferne.

 

PS:

Die Fahrt mit dem Rasenden Roland ist auf jeden Fall eine Wiederholung wert. Ich fand sie toll und hatte eine Menge Spaß. Und das, obwohl ich vorher recht skeptisch war und eigentlich gar keine Lust darauf hatte, mit dem Zug durch die Gegend zu fahren. Es ist wirklich ein Erlebnis, die Insel aus dieser Perspektive zu betrachten und im wahrsten Sinne des Wortes zu erfahren. Der offene Wagen allerdings ist für mich passé. Das Zusammentreffen des schwarzen Qualms mit den Sonnenstrahlen in den Baumkronen war zwar toll und ohne Frage handelt es sich beim Rasenden Roland um eine Dampflok, die nunmal qualmt. Aber auf die Aschepartikel auf Haut und Kleidung und das Einatmen des stinkenden Luftgemischs hätte ich echt verzichten können. Wir und unsere Klamotten haben am Ende der Fahrt gestunken wie der Qualm selbst. Sicher, bei einem so alten Gefährt lässt sich das nicht vermeiden und es gehört irgendwie dazu. Eingefleischte Bahnfans werden das bestimmt sogar genießen. Ich aber nicht. Von daher werde ich mich beim nächsten Mal im geschlossenen Waggon niederlassen ...