Vogelspaziergänge am Hahneberg: Im Mai

Kuckuck (Cuculus canorus), Mai 2021, Hahneberg/Berlin.
Kuckuck (Cuculus canorus), Mai 2021, Hahneberg/Berlin.

Was für ein Mai! Okay, es war ziemlich kühl. Aber der wunderbare Anblick des üppigen Grüns und der blühenden Weißdornbüsche vor dem Blau des Himmels war an vielen Tagen mehr als eine Entschädigung. Und erst die Vögel! Was für ein Zwitschern, Flöten, Schnattern, Knarren und Fiepen begleitet vom typischen Ruf des Kuckuckmännchens (Cuculus canorus) - ein grandioses Konzert, welches das Herz eines jeden Vogelfreundes höher schlagen lässt. Während der erste Ruf des Kuckucks im Jahr uns Zweibeiner mit Freude erfüllt, bedeutet seine Rückkehr aus den afrikanischen Überwinterungsgebieten für viele Vögel Gefahr. Denn wie allseits bekannt, wirft ein Kuckuck die bereits gelegten Eier der Wirtsvögel aus dem Nest oder frisst sie auf und platziert stattdessen ein eigenes Ei. Manchmal wird das Kuckucksei zu den anderen Eiern im Nest gelegt und es ist dann Sache des frisch geschlüpften Kuckucks, die Eier der Nestbesitzer herauszuwerfen. Die ihres eigenen Nachwuchses beraubten Vogeleltern werden alle Schnäbel voll zu tun haben, das stattliche Vogelkind aufzuziehen. Mit seiner Gestalt und Gefiederfärbung erinnert der Kuckuck an einen Falken, also einen Greifvogel. Das führt in der Regel dazu, dass die Besitzer des Geleges, welches der Kuckuck ins Visier genommen hat, flüchten und der sogenannte Brutparasit freien Zugang zum auserwählten Nest hat. Die Klappergrasmücke (Sylvia curruca) auf den folgenden Fotos hatte das Kuckucksmännchen in der Nähe ihres Nestes sofort entdeckt und verjagte ihn überaus mutig und voller Elan. Immer wieder stieß sie unerschrocken auf den Kuckuck herab, bis dieser schließlich das Weite suchte. Allerdings ist es möglich, dass das Kuckuckmännchen mit Absicht dort saß, nämlich um die Wirtsvögel abzulenken, damit das Kuckucksweibchen ungestört ein Ei in das Nest der Klappergrasmücken legen kann. Wie dem auch sei: Die Ausdauer und der Mut, mit dem die zierliche Klappergrasmücke den im Vergleich riesigen Kuckuck verjagt hat, hat mich zutiefst beeindruckt.

Andere Grasmücken, nämlich die Dorngrasmücken (Sylvia communis) sahen sich ebenfalls mit einem Rückkehrer konfrontiert, der in ihren bereits besetzten Brutrevieren auftauchte: dem Neuntöter (Lanius collurio). Dorngrasmücken und Neuntöter bevorzugen die gleichen Landschaften zum Aufziehen ihrer Brut - mit kleinen Bäumen und Dornensträuchern durchsetzte Offenlandschaften oder lockere Gebüschsäume an Feld- und Wiesenrändern. Gemeinsame Brutreviere bleiben also nicht aus und Konflikte sind vorprogrammiert.

Männliche Dorngrasmücke (Sylvia communis), Mai 2021, Hahneberg/Berlin.
Männliche Dorngrasmücke (Sylvia communis), Mai 2021, Hahneberg/Berlin.

Während Dorngrasmücken ihr Nest zwischen Gestrüpp oder trockenen Staudenhalmen aus dem Vorjahr in Bodennähe bauen, nisten Neuntöter vorzugsweise in mit Dornen bewehrten Sträuchern. Dornensträucher bieten nicht nur Schutz vor Fressfeinden. Die Dornen müssen außerdem zum Aufspießen von Beutetieren wie Libellen, Hummeln, Bienen oder Mäusen herhalten, was nicht nur der Vorratshaltung dient, sondern ebenso der Zerkleinerung der Nahrung. Anders als Greifvögel besitzt ein Neuntöter nämlich keine kräftigen Krallen, um die Beute festzuhalten, sondern kleine Singvogelfüße. Wenn er ein großes Insekt oder eine Maus auf einen Dorn aufspießt, ist die Beute fixiert und kann verspeist werden. Daneben kann man Neuntöter häufig dabei beobachten, wie sie das erbeutete Insekt auf eine feste Unterlage wie einen Holzpfahl oder Ast schlagen, um giftige Stachel zu entfernen oder die Beute aufzubrechen. Da zum Beutespektrum des Neuntöters nicht nur Insekten, Reptilien, Amphibien und Mäuse, sondern eben auch Nestlinge und Jungvögel gehören, waren die Dorngrasmücken nicht ohne Grund in Aufruhr, denn das Neuntöter-Pärchen balzte nur zwei, drei Meter vom bereits angelegten Nest der Dorngrasmücken entfernt. Wenn sich ein Neuntöter-Paar gefunden hat, hält sich das Weibchen meist in der Nähe des Männchens auf. Denn immer wieder übergibt das Männchen kleine Geschenke in Form von Insekten, um das Weibchen davon zu überzeugen, sich mit ihm zu paaren. Aufgrund der kontrastreichen Färbung des Männchens (brauner Rücken, cremeweiße Brust, schwarze Schwanzfedern sowie schwarze Augenmaske) sind die Geschlechter gut voneinander zu unterscheiden, denn das Weibchen kommt unscheinbar bräunlich daher. Am Hahneberg gibt es mehrere Neuntöter-Reviere, die regelmäßig besetzt werden. Insbesondere in jenen Schafsgehegen, in denen Hundsrose (Rosa canina), Brombeere (Rubus ...) oder Weißdorn (Crataegus) gedeihen, können Neuntöter sehr gut beobachtet werden. Wer mehr über den Neuntöter wissen möchte, dem sei meine Seite über den Neuntöter empfohlen (siehe Link am Ende des Textes).

Neben dem Kuckuck, den Dorngrasmücken und Neuntötern fand im Mai auch der Pirol (Oriolus oriolus) zurück in unsere Gefilde, aber zu diesem ausgesprochen schönen Vogel schreibe ich später noch etwas. Jene gefiederten Gesellen, die schon länger bei uns weilen oder das ganze Jahr über in Deutschland leben, waren entweder mit der Verteidigung ihrer Reviere, mit der Brut oder mit der Nahrungssuche für den bereits geschlüpften Nachwuchs beschäftigt. Rotkehlchen (Erithacus rubecula), Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus) und Kohlmeise (Parus major) waren hauptsächlich auf Raupenpirsch. Buntspechte (Picoides major) und Stare (Sturnus vulgaris) hingegen hatten die Schnäbel voller Getier - Regenwürmer, Käfer, Spinnen, Fliegen, Raupen ... Greifvögel wie der Turmfalke oder der Mäusebussard befanden sich ebenfalls erfolgreich auf der Jagd. Manche der vorgenannten Vögel werden noch einmal brüten, zum Beispiel das Rotkehlchen und die Kohlmeise.

Am 05. Mai hielt der Hahneberg für mich übrigens eine besondere Überraschung bereit, denn ich entdeckte einen Vogel, den ich bisher nur einmal in Staaken entdeckt habe und ansonsten nur von der Insel Rügen kenne: den Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca). Den hübschen Vogel am Hahneberg anzutreffen, hat mich überaus erfreut. Trauerschnäpper gehören wie das Rotkehlchen und der Gartenrotschwanz zur Vogelfamilie der Fliegenschnäpper und brauchen insektenreiche Habitate mit alten Bäumen, in denen sie Nisthöhlen für die Brut finden.

Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca), Mai 2021, Hahneberg/Berlin
Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca), Mai 2021, Hahneberg/Berlin

Dort, wo es keine natürlichen Nistmöglichkeiten mehr gibt, ist der Trauerschnäpper auf Nistkästen angewiesen. Da er recht spät im Jahr aus seinen afrikanischen Winterquartieren zurückkehrt, sind Nistkästen aber oft schon besetzt, so dass eine Brut nicht stattfinden kann. Das Fehlen alter Bäume mit Spechthöhlen und bereits besetzte Nistkästen sind der Hauptgrund dafür, dass der Trauerschnäpper vielerorts verschwunden oder sehr selten geworden ist. Das Gelände am und rings um den Hahneberg könnte dem elegant gekleideten Vertreter der Fliegenschnäpper-Familie als Lebensraum durchaus zusagen. Allerdings habe ich keine Ahnung, ob Trauerschnäpper am Hahneberg brüten oder nicht. In den Tagen um den 05. Mai wurden in Berlin sehr viele Trauerschnäpper gemeldet. Ich nehme daher an, dass es es sich bei "meinem" Trauerschnäpper" um einen Durchzügler gehandelt hat, der auf dem Weg in seine Brutgebiete gewesen ist. Am Ende des Monats wurde ich dann noch einmal überrascht, als ich auf den Steinhaufen im großen Schafsgehege vier kleine Steinschmätzer mit ihren Eltern beobachten konnte. Dass der Nachwuchs bereits Ende Mai aus dem Nest kam, fand ich ungewöhnlich früh. Eine Stunde lang beobachtete ich das muntere Treiben der Alt- und Jungvögel auf dem Steinhauen und hatte jede Menge Spaß dabei. Vögel beobachten macht eben wirklich glücklich. Ganz nebenbei gelang mir noch ein schönes Foto von einem Grünspecht-Weibchen, welches dem Schreien und Herumhüpfen der Jungvögel eine Weile interessiert zuschaute.

Wie weiter oben bereits erwähnt, komme ich noch einmal auf den Pirol zurück. Einen außergewöhnlich farbenprächtigen Vogel, denn man in der Regel oft hört, aber nie sieht. Dabei müsste man doch meinen, dass ein knallgelb gefärbter Vogel mit schwarzen Flügeln (Männchen) auffällt. Dem ist aber nicht so. Es ist genau diese Gefiederfarbe, die dem Pirol im Blattwerk hoher Bäume eine perfekte Tarnung verschafft, denn im Spiel von Licht und Schatten verschmilzt er quasi mit seiner Umgebung. Das unscheinbarer und eher grünlich gefärbte Weibchen zu entdecken, das ist schon so etwas wie ein Lottogewinn, denn es ist noch besser getarnt als das prachtvolle Männchen. Der typische Flötenton des Pirols gehört zum Mai wie der Ruf des Kuckucks. Am Hahneberg ist er weithin zu hören und zu lokalisieren. Optimistisch habe ich mich dort positioniert, wo der Pirolruf ganz nah war und hoffte darauf, einen Blick auf diese wunderbare Schönheit werfen zu können. Ich mach es kurz: Ich hab mir zwei Stunden lang den Hals verrenkt und den ersten Sonnenbrand auf der Nase geholt. Als ich gerade am Gehen war, vernahm ich aus dem Pirolbaum lautes Geschrei und drehte mich noch einmal um ... und sah wie ein Pirol einen Sperber vertrieb. Was für ein Erlebnis!

Sooo. Damit komme ich zum Ende des Vogelspaziergangs am Hahneberg im Mai. Es ist mir ein Freude, davon zu berichten und meine Erlebnisse mit anderen zu teilen. Sollte ich den einen oder anderen neugierig gemacht haben, so dass er oder sie sich auf den Weg in dieses Gebiet macht, so wünsche ich Ihnen viele schöne Erlebnisse. Im Juni wird es keinen Vogelspaziergang am Hahneberg geben, denn ich werde zwei Wochen lang nicht in Berlin sein. Aber vielleicht lassen Sie mich ja an Ihren Vogelerlebnissen teilhaben und schreiben mir - das wäre schön. Zum Abschluss möchte ich nicht versäumen, auf die Naturschutzstation Hahneberg hinzuweisen, die verschiedene naturkundliche Veranstaltungen durchführt (auch Vogelwanderungen). Informieren kann sich über den folgenden Link: Naturschutzstation Hahneberg

Und hier gehts zu den Vogelspaziergängen am Hahneberg im Monat April:

Literaturhinweis:

Für diesen Blogartikel habe ich folgende Bestimmungsliteratur zu Rate gezogen:

Kosmos Naturführer

Die Vögel Europas und des Mittelmeerraumes

von Lars Jonsson

1992, Franckh-Kosmos Verlag-GmbH & Co. KG, Stuttgart

2. Auflage, 1999

ISBN 3-440-07828-0

 

Das BLV Handbuch Vögel - Alle Brutvögel Mitteleuropas

von Einhard Bezzel

2019, GRÄFE UND UNGER VERLAG GmbH, München

2. Auflage 2019

ISBN 978-3-8354-1908-7

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