Christos Konkurrenz: Pfaffenhütchen-Gespinstmotten (Yponomeuta cagnagella)

Von Pfaffenhütchen-Gespinstmotten (Yponomeuta cagnatella) einhüllter Strauch, 15.05.2019, Staaken/Berlin.
Von Pfaffenhütchen-Gespinstmotten (Yponomeuta cagnatella) einhüllter Strauch, 15.05.2019, Staaken/Berlin.

Alle Jahre wieder, meist ab Ende April tauchen sie wie aus dem Nichts auf: Weiße Gespinste, die oft ganze Sträucher überziehen. In Staaken fallen vor allem Exemplare des Europäischen Pfaffenhütchens (Euonymus europaeus) auf, von denen innerhalb kurzer Zeit nur blattlose, komplett verhüllte Strauchskelette übrig bleiben. Angesichts der Verhüllungsgeschwindigkeit und der Genauigkeit würde selbst Christo vor Neid erblassen ... Schaut man sich so ein Gespinst mal genau an, erblickt man im Inneren unzählige Raupen: Die Raupen der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte (Yponomeuta cagnagella), einem kleinen Nachtfalter mit einer Flügelspannweite von ungefähr 20 Millimetern. Sitzt der Falter mit geschlossenen Flügeln auf einer Blüte oder einem Blatt, schaut man auf ein zierliches weißes Wesen mit schwarzen Punkten. Beim Auffliegen zeigen sich weiße Fransen an den Flügelkanten und die dunkelgraue Flügelunterseite. Die alles umhüllenden Gespinste tauchen also mitnichten aus dem Nichts auf. Es ist vielmehr so, dass eine weibliche Pfaffenhütchen-Gespinstmotte bereits im vorjährigen Spätsommer ihre Eier an der zukünftigen Fraßpflanze der Raupen abgelegt hat. Dort überdauern die Gelege den Winter und Ende April/Anfang Mai schlüpfen aus den Eiern winzige Raupen, die sich zunächst an den frischen Triebspitzen gespinstisch einrichten und damit beginnen, die Blätter abzufressen. Nach und nach arbeiten sie sich von Zweig zu Zweig vor und dehnen das Gespinst, welches quasi ihr Zuhause ist, immer weiter aus. Nach einem Regenguss wird man übrigens erstaunt feststellen, dass die Regentropfen am Gespinst abperlen und die Raupen im Inneren trocken bleiben. Nur bei späten und starken Nachtfrösten hilft auch das schönste Gespinst nichts, denn solch frostige Zeiten überleben die Raupen nicht. Das Gespinst ist also nicht nur einfach das Raupenwohn- und Schlafzimmer, sondern bietet zuallererst Schutz vor Witterungseinflüssen und natürlich vor Fressfeinden.

Am Anfang steht ein kleines Gespinst mit winzigen Raupen an den Triebspitzen, 30.04.2022, Staaken/Berlin.
Am Anfang steht ein kleines Gespinst mit winzigen Raupen an den Triebspitzen, 30.04.2022, Staaken/Berlin.
Mit zunehmendem Alter erobern die Raupen den gesamten Strauch und fressen ihn kahl, 10.05.2018, Staaken/Berlin.
Mit zunehmendem Alter erobern die Raupen den gesamten Strauch und fressen ihn kahl, 10.05.2018, Staaken/Berlin.

Ist der heimatliche Busch leergefressen, macht sich die Raupengemeinde auf den Weg zu einer neuen Futterquelle, also zum nächsten Pfaffenhütchen-Strauch. Dazu seilen sie sich an einem Faden auf den Boden ab, wo sie auf der Suche nach frischer Nahrung alle anderen Pflanzen mit ihren Gespinsten überziehen: Kräuter, Gräser usw.. Sie nehmen ihren Schutzschirm also überall hin mit und hängen beim Abseilen am sprichwörtlichen seidenen Faden.

Raupen der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte seilen sich vom Futterstrauch ab, 28.05.2020, Staaken/Berlin.
Raupen der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte seilen sich vom Futterstrauch ab, 28.05.2020, Staaken/Berlin.

Im letzten Raupenstadium sind die Raupen ungefähr zwei Zentimeter groß, gelblich und tragen auf jedem zweiten Segment einen schwarzen Punkt. Dieses Stadium ist im Juni bzw. Juli erreicht und das Abseilen dient dann der Verpuppung am Fuß des Futterstrauches. Aufgrund der immensen Raupenanzahl kann man in dieser Zeit Pfaffenhütchen-Büsche entdecken, von denen unzählige Fäden mit Raupen herunterhängen - das ist ein ziemlich grandioser Anblick, den man sich in Ruhe anschauen sollte. Auch wenn es manch vorbei flanierendem Zeitgenossen bei diesem Anblick schüttelt, weil Raupen irgendwie unbeliebt zu sein scheinen: Ich finde das einfach unglaublich interessant und faszinierend und staune in jedem Jahr aufs Neue über dieses Spektakel. Nach zwei bis drei Wochen als Puppe ist es dann so weit: Die wunderschönen, kleinen Falter schlüpfen und können nun auf verschiedenen Blüten bewundert werden. Gesellig wie sie nunmal sind, erscheinen sie auch als Schmetterling in Trupps und suchen bevorzugt Pflanzen wie die Kanadische Goldrute, Wiesen-Labkraut oder den Rainfarn auf. Ungefähr 10 Tage nach dem Schlupf aus der Puppe werden die Weibchen geschlechtsreif und mit ein wenig Glück kann man dann ein sich paarendes Pärchen unter einem Pfaffenhütchen-Blatt entdecken. Von August bis in den September hinein legen die Weibchen dann ihre Eier in den zukünftigen Futterstrauch und der Kreislauf beginnt von Neuem. In der Zeit der Paarung und der Eiablage fliegen unzählige Pfaffenhütchen-Gespinstmotten auf, sobald man einen Pfaffenhütchen-Busch berührt oder vorsichtig schüttelt. Im Leben dieser kleinen Wesen dreht sich eben alles um diese Pflanze und sie bleiben immer in deren Nähe, weil ihr Aktionsradius aufgrund ihrer geringen Größe eng bemessen ist.

Die Raupen hängen am sprichwörtlichen seidenen Faden und seilen sich vom Futterstrauch ab, 31.05.2021, Staaken/Berlin.
Die Raupen hängen am sprichwörtlichen seidenen Faden und seilen sich vom Futterstrauch ab, 31.05.2021, Staaken/Berlin.
Paarung von Pfaffenhütchen-Gespinstmotten auf der Unterseite eines Pfaffenhütchen-Blattes, 03.08.2019, Staaken/Berlin.
Paarung von Pfaffenhütchen-Gespinstmotten auf der Unterseite eines Pfaffenhütchen-Blattes, 03.08.2019, Staaken/Berlin.

Wenn die Falter auffliegen, erkennt man die weißen Fransen an den Flügelrändern und die graue Unterseite, 05.08.2017, Staaken/Berlin.
Wenn die Falter auffliegen, erkennt man die weißen Fransen an den Flügelrändern und die graue Unterseite, 05.08.2017, Staaken/Berlin.
Pfaffenhütchen-Gespinstmotten leben nicht nur als Raupe gesellig, sondern auch als Falter, 20.08.2021, Staaken/Berlin.
Pfaffenhütchen-Gespinstmotten leben nicht nur als Raupe gesellig, sondern auch als Falter, 20.08.2021, Staaken/Berlin.

All jenen, die sich fragen, ob die Invasion der Pfaffenhütchen-Gespinstmotten zum Absterben der Sträucher führt, sei gesagt, dass dies nicht der Fall ist. Sobald die Raupen den Strauch zur Verpuppung verlassen haben, treibt die Pflanze neu aus und erholt sich. Natürlich weiß ich, dass viele Menschen den Anblick eines eingesponnenen Strauches alles andere als schön finden. Dass das Auftreten der Raupen als störend und nicht als Naturschauspiel empfunden wird, bei dem man tolle Beobachtungen machen kann. Und dass manchmal die Sorge besteht, die Raupen könnten sich auch über alle anderen Sträucher im Garten hermachen.

Eine Klappergrasmücke (Sylvia curruca) bei der Ernte der Gespinstfäden für den Nestbau, 05.05.2020, Staaken/Berlin.
Eine Klappergrasmücke (Sylvia curruca) bei der Ernte der Gespinstfäden für den Nestbau, 05.05.2020, Staaken/Berlin.

Dazu sei gesagt, dass es verschiedene Gespinstmotten-Arten gibt, die in der Regel auf eine oder sehr wenige Pflanzenarten als Hauptnahrungsquelle für ihren Nachwuchs spezialisiert sind und nur selten auf andere ausweichen. Neben der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte gibt es zum Beispiel noch die Traubenkirschen-, Pflaumen- und die Apfel-Gespinstmotte. Auch Schlehdorn, Weißdorn und Weiden können von Gespinstmotten heimgesucht werden, aber das nur nebenbei. Wenn Sie den Anblick eines Gespinstmotten-Strauches nicht ertragen können, können Sie den Gespinsten mit dem Gartenschlauch zu Leibe rücken oder den Strauch zurückschneiden, wenn die Gespinste noch klein sind. Auf keinen Fall sollten Sie es mit irgendwelchen Giften versuchen. Nicht nur in ihrem eigenen Interesse, sondern auch und vor allem wegen der anderen Lebewesen, die sich mit der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte und ihren Verwandten aus verschiedenen Gründen abgeben und dafür sorgen, dass sich der Befall in Grenzen hält. Die Raupen der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte stehen nämlich auf der Speisekarte mancher Vögel, zum Beispiel der von Blau- und Kohlmeise, Klappergrasmücke und Kuckuck. Ich kenne in Staaken ein Gebiet, in welchem sich regelmäßig mehrere dieser beeindruckenden Vögel einfinden. Mehrmals am Tag suchen sie die von den Pfaffenhütchen-Gespinstmotten heimgesuchten Büsche auf, um Raupen zu fressen (und nebenbei die Nester ihrer Wirtsvögel auszuspähen). Eine meiner Beobachtungen ist übrigens die: Wenn die Pfaffenhütchen-Gespinstmottenraupen auftauchen, kommt der Kuckuck zurück. In den letzten Jahren hat sich das immer bestätigt. Besonders begehrt sind außerdem die seidenen Fäden der Gespinste, die von diversen Vögeln für den Nestbau verwendet werden. Ich selbst habe Distelfinken und Klappergrasmücken bei der "Ernte" der wertvollen Fäden beobachten können. Sowohl das Herausfischen der Raupen aus den als auch die Ernte von Gespinstfäden verlangt den Vögeln ein hohes Maß an Geduld und Geschicklichkeit ab. Und nicht zuletzt haben es auch eine Reihe von Fliegen auf die Raupen abgesehen, die in einer einzelnen Raupe ihre Eier platzieren, die der Fliegenlarve als Nahrungsvorrat dienen wird.

Auch die hübschen Distelfinken (Carduelis carduelis) verwenden die seidenen Fäden für den Nestbau, 18.05.2018, Staaken/Berlin.
Auch die hübschen Distelfinken (Carduelis carduelis) verwenden die seidenen Fäden für den Nestbau, 18.05.2018, Staaken/Berlin.
Die Raupen der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte stehen auf der Speisekarte des Kuckucks (Cuculus canorus), 31.05.2021, Staaken/Berlin.
Die Raupen der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte stehen auf der Speisekarte des Kuckucks (Cuculus canorus), 31.05.2021, Staaken/Berlin.

Kommentare: 1
  • #1

    Brandenburgerin (Sonntag, 22 Mai 2022 16:57)

    Ich finde diese Gespinste eklig und es ist mir egal, ob Vögel damit was anfangen können oder nicht. Das sieht einfach nur fürchterlich aus. Zum gruseln. nd eklig wie gesagt. Zum glück habe ich sowas nicht in meinem Garten. Ich würde das komplett aurotten samt den Sträuchern und verbrennen. Schrecklich.