Waldspaziergang im Frühling

Gelbe und Weiße Buschwindröschen schmiegen sich in das Moos des vergangenen Winters.
Gelbe und Weiße Buschwindröschen schmiegen sich in das Moos des vergangenen Winters.

Viele Menschen werden vornehmlich in den Herbstmonaten magisch vom Wald angezogen. Nämlich dann, wenn Topf und Pfanne auf Steinpilz, Marone und Co. warten. Zugegeben: Auch meine Jäger- und Sammlergene treiben mich im Herbst wegen der Pilze in den Wald. Doch das schönste Walderlebnis des Jahres ist für mich der Frühling. Das unendlich oft beschriebene, besungene und bewunderte Erwachen der Natur fasziniert und erfreut mich in jedem Jahr aufs Neue. Vielleicht, weil so Vieles zum ersten Mal im Jahr passiert: Die ersten Blüten und Schmetterlinge ... das Gezwitscher der Vögel im Liebesrausch und um die Reviere abzustecken ... der Gesang einer aus dem Winterquartier zurückgekehrten Mönchsgrasmücke oder Singdrossel ... Vielleicht aber auch, weil es immer wieder so unglaublich schön und aufregend ist. Ja. Klar. Pilze gibt es auch im Frühling. Man denke nur an die Morchelbande. Aber um Pilze soll es dieses Mal ebenso wenig gehen wie um Vögel, die so oft eine Hauptrolle in meinen Artikeln spielen. Natürlich gehören die kunstvollen Balzflüge der Kolkraben, die Rufe der Rot-Milane und Mäusebussarde, das Singen der Rotkehlchen, Buchfinken und Amseln genauso zu einem Frühlingsspaziergang wie alles andere ... aber das wirklich Schönste in einem Frühlingswald ist die Pflanzenwelt, in der sich übrigens durchaus so einige tummeln, die wie die Pilze eine Bereicherung des Speiseplans sein können und kulinarische Hochgenüsse versprechen. 

Über Bärlauch und Seltsamen Lauch

Bärlauch (Allium ursinum), April, Land Brandenburg.
Bärlauch (Allium ursinum), April, Land Brandenburg.

Und damit sind wir bei jenen Menschen, die anders als die Herbst-Pilzfreunde im Frühling und aus nichtpilzlicher Sehnsucht in den Wald getrieben werden. Denn sie sind auf der Suche nach einem schmackhaften und noch dazu gesunden Gewächs: dem Bärlauch. Glaubt man den Bärlauchfreunden, die man so trifft, wächst er in und um Berlin in regelrechten Massen und das überall. Tatsächlich ist der Bärlauch in der Natur Berlins meines Wissens gar nicht zu finden und im Berliner Umland ein rares Gewächs. Was übrigens der Grund dafür ist, dass niemand verrät, wo Bärlauch wächst, wenn er ihn einmal entdeckt hat. Das, was viele Bärlauchfreunde für Bärlauch halten, ist der Seltsame Lauch. Der wächst in Berlin und im Umland tatsächlich in Massen quasi an jeder baumbestandenen Ecke, was ihm unter anderem den Namen "Berliner Bärlauch" eingebracht hat. Einst in einem Berliner botanischen Garten angepflanzt, hat er eine ausschweifende und vermehrungsfreudige Reise in Grünanlagen, Gärten und Wälder angetreten und überzieht wie der Bärlauch teppichgleich den Boden, wenn er einmal Fuß gefasst hat. Zum Trost sei gesagt, dass er wie Bärlauch riecht, schmeckt und ebenso gesund ist (wahre Bärlauchkenner sind selbstverständlich nicht dieser Meinung). Unterscheiden lassen sich die beiden einfach, wie man auf den folgenden Fotos sehen kann.

Der Seltsame Lauch (Allium paradoxum) besitzt schmale Blätter und einen lockeren Blütenstand mit wenigen Blüten, April, Staaken/Berlin.
Der Seltsame Lauch (Allium paradoxum) besitzt schmale Blätter und einen lockeren Blütenstand mit wenigen Blüten, April, Staaken/Berlin.
Der Bärlauch (Allium ursinum) trägt breite Blätter und in Vollblüte einen rundlichen Blütenstand mit vielen Einzelblüten, April, Land Brandenburg.
Der Bärlauch (Allium ursinum) trägt breite Blätter und in Vollblüte einen rundlichen Blütenstand mit vielen Einzelblüten, April, Land Brandenburg.

Seltsamer Lauch (Allium paradoxum), April, Staaken/Berlin.
Seltsamer Lauch (Allium paradoxum), April, Staaken/Berlin.
Bärlauch (Allium ursinum), Ende April, Land Brandenburg.
Bärlauch (Allium ursinum), Ende April, Land Brandenburg.

Blätter des Bärlauchs (Allium ursinum), April, Land Brandenburg.
Blätter des Bärlauchs (Allium ursinum), April, Land Brandenburg.
Bärlauch-Bestand (Allium ursinum), April, Land Brandenburg.
Bärlauch-Bestand (Allium ursinum), April, Land Brandenburg.

Von Huflattich, Leberblümchen und Einbeere - der Farbenrausch

Wer im Frühling in den Wald geht - ob nun auf Bärlauchpirsch oder einfach nur so - sollte alle seine Sinne weit aufmachen, denn es gibt unendlich viel zu entdecken. Was im März mit einem zarten Grünschleier beginnt, verwöhnt unsere Augen mit einem farbenfrohen Blütenrausch, der Ende Mai mit dem Übergang in den Sommer sein Ende findet. Insbesondere in Laub- und Mischwäldern erscheint eine Vielzahl an zauberhaften und interessanten Pflanzen. 

Die Vierblättrige Einbeere (Paris quadrifolia) ist eine häufige Pflanze feuchter Waldstandorte und giftig!
Die Vierblättrige Einbeere (Paris quadrifolia) ist eine häufige Pflanze feuchter Waldstandorte und giftig!

Viele davon werden seit jeher von den Menschen als Heilpflanzen oder Vitaminquelle genutzt, zum Beispiel Huflattich und Scharbockskraut, die beide zeitig den Blütenreigen eröffnen, gefolgt von Leberblümchen und Lungenkraut, Gelbem und Weißem Buschwindröschen und unzähligen anderen. Gesagt sei, dass es unter den Schönheiten auch giftige Gewächse gibt (z.B. Gelbes und Weißes Buschwindröschen, Sumpfdotterblume sowie Vierblättrige Einbeere). Da es an dieser Stelle ausgeschlossen ist, auf die Pflanzen im Detail einzugehen, ist jeder gehalten, sich selbst umfassend zu informieren. Erwähnt werden muss zudem, dass die meisten der hier gezeigten Pflanzen aufgrund ihrer schwindenden Lebensräume selten und geschützt sind. Ein Sammeln verbietet sich daher, erst recht in Schutzgebieten. Bitte machen Sie sich sowohl über die Inhaltsstoffe der Pflanzen schlau als auch darüber, ob diese gesammelt werden dürfen oder nicht. Ich übernehme keine Gewähr dafür, ob Sie Pflanzen verzehren oder nicht und was Ihnen dadurch passiert oder nicht passiert (leider muss man das heute ausdrücklich kundtun). Und: Lassen Sie den Spaten und die Plastiktüte zu Hause, falls Sie daran gedacht haben, Bärlauch oder andere Pflanzen in den heimischen Garten zu verfrachten. Fast alle Pflanzen gibt es inzwischen als Zuchtform im Handel zu kaufen. Genießen Sie einfach den Wald und seine Bewohner und tragen Sie durch Respekt dazu bei, dass uns der Anblick artenreicher Wälder erhalten bleibt. Um die nachfolgenden Schönheiten größer betrachten zu können und weitere Informationen zu erhalten, klicken Sie einfach auf eines der Bilder ...

Die Heimlichtuerin unter den Waldpflanzen - die Gewöhnliche Schuppenwurz

Eine Pflanze, die es mir besonders angetan hat, ist die Gewöhnliche Schuppenwurz (Lathraea squamaria). Ausgestattet mit einem Aussehen, das genauso außergewöhnlich ist wie ihre Lebensweise, ist sie schwer und in manchen Jahren gar nicht zu finden, obwohl sie da ist. Ja. Genau. Aber dazu komme ich noch.

Gewöhnliche Schuppenwurzen kurz vor dem Abblühen, Land Brandenburg.
Gewöhnliche Schuppenwurzen kurz vor dem Abblühen, Land Brandenburg.

Die Gewöhnliche Schuppenwurz ist eine seltene Pflanze unserer Wälder. In Berlin soll sie so gut wie ausgestorben sein und in den Brandenburger Wäldern habe ich sie bisher nur an wenigen Stellen entdeckt. Sie mag kalkhaltige, etwas feuchte Böden und ist auf Bäume bzw. Sträucher wie die Erle, Buche oder Haselnuss angewiesen, denn sie ist eine Schmarotzerpflanze. Das ist der Grund dafür, dass sie weder Blattgrün noch Blätter trägt, denn alles, was sie zum Leben braucht, nimmt sie sich von ihren Wirtspflanzen. Für das Anzapfen der Wirtspflanzen sorgt ein bis zu 2 Meter langer, kräftiger, unterirdisch wachsender und verzweigter Wurzelspross, der mit Schuppen besetzt ist (daher der Name). Ihre Blüten erscheinen in Lila, Purpur oder Rosa und können bis zu 30 Zentimeter hoch werden. Die Blüten erscheinen erst, wenn die Pflanze ein Alter von mindestens 10 Jahren erreicht hat. Sie werden sowohl von Insekten als auch vom Wind bestäubt und verschwinden, sobald sie verblüht sind. Bietet das Frühjahr keine optimalen Bedingungen für eine oberirdische Blüte, erfolgt diese unterirdisch ohne Blütenöffnung, aber mit Selbstbestäubung. Trotz ihrer Farbe sind die Blütentrauben nur schwer zwischen den Blättern des Vorjahres und allerlei Geäst zu entdecken. Hat man sie einmal gefunden, bestehen allerdings beste Chancen, sich im nächsten Jahr erneut an ihr zu erfreuen, denn die Gewöhnliche Schuppenwurz kann mehrere Jahrzehnte alt werden. Wenn man das alles weiß, kann man nur staunen und fragen, warum diese Pflanze "Gewöhnliche Schuppenwurz" und nicht "Außergewöhnliche Schuppenwurz" heißt.

Über die anderen Frühlingswald-Wesen

Wer sich bei einem Waldspaziergang Zeit nimmt und die Augen offen hält, wird neben den Pflanzen selbstverständlich auch andere Waldwesen entdecken und erleben. Zum Beispiel die, die einen direkten Bezug zur Pflanzenwelt haben wie Schmetterlinge, Bienen, Hummeln oder Schwebfliegen. Ein Insektenmagnet im Frühling ist zum Beispiel die Sal-Weide, die an einem sonnigen Frühlingstag ein Garant für Insektenerlebnisse ist. Zitronenfalter, Weißes C oder Großer Fuchs sind häufige Besucher des früh im Jahr blühenden Strauches.

Jungfernkinder (Archiearinae) nehmen am Boden gern Mineralien auf, März, Land Brandenburg.
Jungfernkinder (Archiearinae) nehmen am Boden gern Mineralien auf, März, Land Brandenburg.

Die Sal-Weide ist übrigens eines der wichtigsten Gehölze für unzählige Schmetterlingsarten, deren Raupen auf diese Pflanze angewiesen sind. Im Wald findet man die Sal-Weide insbesondere in den Randbereichen von Wegen und Wiesen - leicht zu erkennen an den gelben Weidenkätzchen, bei denen es sich um männliche Blüten handelt. Ein besonderes Erlebnis für mich ist außerdem der Flug der Jungfernkinder, kleine Schmetterlinge aus der Familie der Spanner, die zu den ersten Faltern des Jahres gehören. Hauptnahrungspflanzen der Jungfernkind-Raupen sind Laubbäume wie die Birke, Pappel oder Weide. Jungfernkinder sind unstete Gesellen und man muss eine Menge Geduld mitbringen, wenn man sie näher in Augenschein oder fotografieren möchte. Mit ein wenig Glück trifft man auf ein Jungfernkind, das sich am Boden in der Sonne wärmt oder Mineralien aufnimmt. Ist es ruhig im Wald, kann man Eichhörnchen entdecken ... einen Fuchs auf Mäusepirsch ... Ab und zu raschelt es am Wegesrand und wenn man schnell genug hinschaut, gelingt einem vielleicht der Blick auf eine Maus oder eine sich sonnende Ringelnatter. Beim Blick in die abzweigenden Waldwege kann man Rotfuchs und Feldhase entdecken, die sich zwar nicht "gute Nacht" sagen, aber zufällig über den Weg laufen ... oder Erdkröten auf der Wanderung zum nächsten See oder Teich ...

Kommentare: 1
  • #1

    bärlauchfan (Montag, 20 April 2026 10:52)

    hm. ich dachte wirklich immer, daß ich Bärlauch sammle. Nun sehe ich, daß es ein ganz anderer lauch ist. okay. wenn der geauso gut ist wie der andere will ich mal nicht meckern. schön, daß sie das so gegenüber gestellt haben.