Der Turmfalke (Falco tinnunculus)


Turmfalken-Pärchen im Horst (Falco tinnunculus), 06.04.2018, Berlin
Turmfalken-Pärchen im Horst (Falco tinnunculus), 06.04.2018, Berlin

Wie in jedem Frühling hat das Turmfalkenpaar (Falco tinnunculus) den angestammten Horst in Besitz genommen. Hinten sitzt das Männchen, vorn das Weibchen. Ich wohne seit 2005 in der Nähe dieses Turmfalkenhorstes und kann daher sagen, dass er seitdem regelmäßig bezogen und erfolgreich bebrütet wurde. Zwischen zwei und sechs junge Turmfalken verließen jährlich den Horst und es bereitet mir immer wieder unheimlich viel Freude, das Treiben am Turmfalkenhorst zu beobachten. Die Frage danach, ob es sich in jedem Jahr um die gleichen Vögel handelt, kann ich allerdings nicht beantworten. Zwar sollen Turmfalkenpärchen ein Leben lang zusammenbleiben und können um die 20 Jahre alt werden. Aber ob es sich immer um das gleiche Vogelpaar handelt ... nun ja, das bleibt ihr Geheimnis. Nur selten hat man die Gelegenheit, männliche und weibliche Turmfalken nebeneinander sitzend betrachten zu können. Und leider sitzen sie niemals so, dass man alle Unterscheidungsmerkmale erkennen kann. Wie bei fast allen Greifvögeln ist das Weibchen in der Regel etwas größer als das Männchen. Auch beim obigen Turmfalkenpaar ist das so, obwohl das Männchen auf dem Foto größer aussieht als das Weibchen. Erwachsene Turmfalkenweibchen wirken außerdem runder und etwas fülliger als die schnittigen Männchen. Die auffälligsten Erkennungsmerkmale des erwachsenen, männlichen Turmfalken sind der graue Kopf, seine rostroten Flügel mit den punkt- bis rautenförmigen schwarzen Malen sowie der ebenfalls graue hintere Rücken. Seine Schwanzfedern sind oberseits grau wie der Kopf und weisen am Ende eine schwarze Binde mit weißem Saum auf. Die Brust ist cremefarben und relativ wenig braun gefleckt.

Das Weibchen kommt bis auf die dunklen Federn in den Flügeln in rotbraunen Tönen daher. Rücken und Brust sind um ein Vielfaches stärker gefleckt als beim Männchen. Auf dem Rücken ist oft eine dunkelbraune Querbänderung zu erkennen. Die Schwanzfedern sind oberseits braun, tragen mehrere dunkle Binden und haben am Ende eine schwarze Querbinde mit weißem Saum analog dem Männchen.

Das erste sogenannte Dunengefieder des Turmfalkennachwuchses ist weiß und wird nach ca. 7 Tagen vom zweiten Dunengefieder abgelöst, das weißlichgrau und noch recht flauschig ist. Bis die jungen Turmfalken das weibchenfarbige Jungfalkenkleid tragen, vergehen insgesamt ungefähr 45 Tage.  Junge Turmfalken, die das Nest verlassen haben und selbständig sind, sind grundsätzlich weibchenfarbig. Und auch wenn sie etwas älter sind, ist nicht immer leicht zu erkennen, ob man einen männlichen oder weiblichen Jungvogel vor sich hat. Es dauert einige Jahre, bis Turmfalkenweibchen und Männchen so schön ausgefärbt sind wie die beiden auf den Fotos.

Weil ein Turmfalkenweibchen seine Eier im Abstand von zwei Tagen legt, ist es nicht ungewöhnlich, in einem Turmfalkenhorst Jungvögel in unterschiedlichen Gefiederstadien anzutreffen. Sobald ein Falkenkind das weibchenfarbige Gefieder trägt, beginnt es bereits im Horst damit, seine Flügel und Muskulatur durch Übungen zu stärken. Dann kann es in so einer Turmfalkenbehausung reichlich eng werden. Die meisten der Turmfalkenkinder in "meinem" Horst haben diesen übrigens nicht fliegend, sondern kletternd verlassen. Die, die es fliegend versuchten, landeten in der Regel ziemlich unsanft in der benachbarten Linde. Und es gibt immer ein Nesthäkchen, also einen Jungvogel, der allein im Horst zurückbleibt, während sich alle anderen in der Nähe rumtreiben. Es wird von den Eltern jedoch so lange weiter gefüttert, bis es sich zu den anderen gesellt. Alle Jungfalken werden noch ca. vier Wochen lang außerhalb des Horstes von den Eltern gefüttert. Bei schlechtem Wetter kehren alle Jungfalken nicht selten in den schützenden Horst zurück.

Dass ein Turmfalkenhorst besetzt ist oder darin bereits Jungvögel geschlüpft sind, erkennt man übrigens an der Geräuschkulisse. Das bezieht sich sowohl auf die Altvögel bei der Besetzung des Horstes, der Paarung sowie der Nahrungsübergabe als auch die Jungvögel innerhalb und außerhalb des Horstes. Die durchdringenden, hohen Falkenrufe sind nicht zu überhören. Turmfalken sind nämlich ausgesprochen kommunikativ, reden unheimlich viel miteinander und das stets laut. Die Besetzung des Horstes erfolgt je nach Wetterlage zwischen März und April. Entsprechend variabel gestaltet sich der Beginn der Brut. Die Balz wird von häufigen und ausdauernden Balzflügen begleitet, die auf den ersten Blick so wirken, als würden sich Männchen und Weibchen bekämpfen. Die dabei ausgeführten Flugmanöver sind einfach unglaublich, schlichtweg grandios. Ich bin immer wieder zutiefst davon beeindruckt, zu welchen Bewegungen diese Vögel in der Luft fähig sind. Balzflüge von Turmfalken zu beobachten, ist einfach toll. Ich weiß nicht, warum. Aber von allen Greifvögeln, von denen einer schöner als der andere ist, habe ich die Turmfalken besonders ins Herz geschlossen. Der Anblick eines Turmfalken lässt mich immer wieder aufs Neue staunen ... und lächeln.

Beuteübergabe bei Familie Turmfalke (Falco tinnunculus), 04.03.2020, Berlin
Beuteübergabe bei Familie Turmfalke (Falco tinnunculus), 04.03.2020, Berlin

Während der Brut wird das Weibchen vom Männchen mit Nahrung versorgt. Die Übergabe der Beute an das Weibchen findet meistens in unmittelbarer Nähe des Horstes statt und wird mit großem Geschrei angekündigt. Auf dem Foto hat das links sitzende Männchen gerade eine Maus an das Weibchen übergeben, das sich anschließend auf einen erhöhten Platz begibt, um zu fressen. Sind die Jungen geschlüpft, werden sie in der ersten Zeit ausschließlich vom Weibchen gefüttert. Es ist Sache des Männchens, für das Weibchen sowie die Jungen im Horst Nahrung heranzuschaffen. Das bedeutet mehrere Mäuse oder anderes Getier pro Stunde und Schnabel! Und die Nahrung für sich selbst muss ja auch noch gefangen werden. Was für eine Leistung! Mäuse stellen übrigens die Hauptnahrung der Turmfalken dar. Sie nehmen aber auch Eidechsen, Kleinvögel, Regenwürmer und Insekten, wenn nicht genug Mäuse vorhanden sind oder andere Beute als Mäuse leichter zu erjagen ist. Bei "meinen" Turmfalken habe ich in den letzten Jahren beobachten können, dass sie zunehmend Zauneidechsen verfüttern. Das ist wohl den vielen Zauneidechsengehegen in der Umgebung und den heißen Sommern zu verdanken, in denen sich die Reptilien gut vermehren konnten. Turmfalken und Mäusebussarde haben schon lange bemerkt, dass in den Eidechsengehegen der Tisch reichlich gedeckt ist und sind dort ziemlich häufig bei der Jagd anzutreffen. Während der Mäusebussard in der Regel auf dem Zaun oder im Baum ansitzend nach Beute Ausschau hält, vollführen Turmfalken in der Luft den für sie typischen, phantastischen Rüttelflug , wobei der Vogel quasi in der Luft stehend nach Beute Ausschau hält. Kein anderer Vogel beherrscht den Rüttelflug in dieser Perfektion. Die Ansitzjagd beherrschen sie allerdings auch hervorragend, scheinen sie jedoch seltener auszuüben als den Rüttelflug.

Nach einiger Zeit gehen beide Elternvögel auf die Jagd und versorgen abwechselnd den Nachwuchs. Das durchdringende Geschrei der Jungvögel - das sogenannte Lahnen - ist weithin hörbar, wenn die Altvögel mit Futter im Anflug sind. Selbstverständlich gehört alles vermieden, was die Falkenfamilie in irgendeiner Weise stört, das sollte jeder beherzigen, der Turmfalken bei der Brut oder mit Nachwuchs beobachtet. Bemerkt man ein Zögern im Anflug oder das Abdrehen der Elternvögel, muss man sich auf jeden Fall weiter vom Horst entfernen, denn das Wohl der Tiere steht immer an erster Stelle.

Junger Turmfalke (Falco tinnunculus) - Männchen oder Weibchen?, 04.03.2020, Berlin
Junger Turmfalke (Falco tinnunculus) - Männchen oder Weibchen?, 04.03.2020, Berlin

Der Turmfalke ist neben dem Mäusebussard unser häufigster Greifvogel. Obwohl ursprünglich Felsbrüter und in gebirgigen Gegenden beheimatet, leben sie oft in der Nähe des Menschen. Sie beziehen Kirchtürme, Hochhäuser und andere hoch aufragende Gebäude, die Nischen und Spalten für die Aufzucht der Jungen bieten. Dort, wo es keine geeigneten Gebäude gibt, besetzen sie verlassene Krähennester, denn der Nestbau ist absolut nicht ihr Ding. Auch in den Gebäudenischen wird kein klassisches Nest gebaut; die Eier liegen auf dem Boden. Turmfalken sind gesellige Vögel.  Wenn es genügend Nistgelegenheiten gibt, brüten mehrere Paare an einem Ort, sogar gemeinsam mit Saatkrähen, wenn es Saatkrähenkolonien in Bäumen gibt. Unabdingbar sind Lebensräume, in denen es sowohl Nistmöglichkeiten als auch passende Nahrungshabitate gibt. Insbesondere Flächen mit kurz gehaltener Vegetation, die in den Städten und Dörfern von asphaltierten Flächen abgelöst werden, da es in der Nähe der Menschen immer reichlich Mäuse und Ratten gibt. Beliebt sind außerdem die ausgedehnten Rasenflächen in unseren Parkanlagen und auf Friedhöfen, die durch regelmäßige Mahd kurz gehalten werden. Für den Turmfalken geeignet sind sie selbstverständlich nur dann, wenn sie noch derart naturnah sind, dass Mäuse, Vögel und anderes Kleingetier ein Auskommen haben. Pestizidverseuchte Äcker, die bis auf die gewünschten Monokulturen kein Leben zulassen oder Maisfelder bis zum Horizont bieten den liebenswerten Falkenvögeln keine Lebensgrundlage. Turmfalken können übrigens meist das ganze Jahr über beobachtet werden. Sie sind keine Zugvögel, die in südlichen Gefilden überwintern. Nur bei Nahrungsmangel in strengen Wintern ziehen sie in andere Gegenden ab.

Soooooo. Wer jetzt noch nicht genug gelesen und gesehen hat, kann sich noch jede Menge Fotos über die Turmfalken am Horst, Männchen und Weibchen, mit Beute oder rüttelnd anschauen. Ich wünsche viel Freude und sage "Danke" fürs Vorbeischauen.

Turmfalken am Horst

Turmfalken mit Beute

Rüttelnder Turmfalke

Männliche und Weibliche Turmfalken sowie Jungvögel im Vergleich