Die Amsel (Turdus merula)


Ein Amsel-Männchen macht sich über die Beeren des Echten Efeus her, 15.02.2020, Staaken/Berlin.
Ein Amsel-Männchen macht sich über die Beeren des Echten Efeus her, 15.02.2020, Staaken/Berlin.

Manche nennen sie "Amsel", andere "Drossel". Richtig ist beides, denn die Amsel (Turdus merula) gehört in der Systematik zur Familie der Drosseln (Turdidae). Jeder kennt sie, hat sie schon einmal gesehen und mit Sicherheit gehört. Neben Blau- und Kohlmeise sowie dem Haussperling ist die Amsel einer unserer häufigsten Singvögel. Ehemals in den Wäldern beheimatet leben Amseln heute auch mitten unter uns - in Städten und Dörfern, in Gärten und Parks. Aber wie das so ist mit Pflanzen und Tieren, die häufig und somit irgendwie selbstverständlich geworden sind, widmet dem allgegenwärtigen Vogel kaum jemand seine Aufmerksamkeit. Sie ist einfach da. Dabei gehört das Lied des Amselmännchens zu den schönsten einheimischen Vogelgesängen. Der bereits im frühen Morgengrauen erklingende, klare Gesang des Amselmännchens erfreut in jedem Frühjahr aufs Neue meine Herz und zaubert ein Lächeln in mein Gesicht. Der Gesang des Amselmännchens ist unvergleichlich. Wunderschön. Und sehr berührend, finde ich. Die Worte von Khalil Gibran sind daher sehr treffend gewählt: "Zwitschere dein Lied, Amsel, und vertreibe Kummer und Sorgen. In deiner Stimme gibt es eine Stimme, die an das Ohr meines Ohres dringt." Der Amselmann ist also ein Singvogel im wahrsten Sinne des Wortes und außerdem vom Aussehen her mindestens so schön wie sein Gesang. Das tiefschwarze Gefieder, der leuchtend gelb gefärbte Schnabel und Augenring - er ist schlichtweg eine Augenweide. Dem Weibchen hingegen fehlen die schwarzen Farbtöne genauso wie der leuchtend gelbe Schnabel und der Augenring ist schwächer ausgeprägt als beim Männchen. Das Gefieder des Weibchens ist braun, auf der Brust oft heller als am übrigen Körper und mal mehr, mal weniger stark gefleckt. Dem Weibchen sehr ähnlich sind die Jungvögel. Bei ihnen wirken die Brauntöne jedoch etwas rötlicher und das Gefieder ist ober- und unterseits gefleckt. Daneben sieht man hin und wieder Amseln mit einzelnen weißen Federn. Mal am Kopf, mal an der Brust oder im Schwanz. Seltener sind Amseln mit weiß gefiederten Körperteilen oder gar komplett weißem Gefieder. Dabei handelt es sich um eine Laune der Natur, einen harmlosen Gendefekt: den sogenannten Leuzismus.

Amsel-Weibchen

Amsel-Weibchen, 26.03.2022, Staaken/Berlin.
Amsel-Weibchen, 26.03.2022, Staaken/Berlin.

Jungvogel

Amsel-Jungvogel, 23.07.2019, Staaken/Berlin.
Amsel-Jungvogel, 23.07.2019, Staaken/Berlin.

Männchen und Weibchen

Amsel-Pärchen - vorn das Weibchen, hinten das Männchen, 18.03.2022, Staaken/Berlin.
Amsel-Pärchen - vorn das Weibchen, hinten das Männchen, 18.03.2022, Staaken/Berlin.

Leuzistische Amsel

Leuzistisches Amsel-Männchen, 13.01.2022, Barth/Mecklenburg-Vorpommern.
Leuzistisches Amsel-Männchen, 13.01.2022, Barth/Mecklenburg-Vorpommern.

Die bräunliche Grundfarbe von Weibchen und Jungvögeln bietet eine hervorragende Tarnung auf dem Nest und im Geäst von Büschen und Bäumen. Wenn die Vögel reglos auf einem Ast sitzen, sind sie im Spiel von Licht und Schatten nur schwer auszumachen. Jungvögel verraten sich allerdings oft durch ihre Bettelrufe, wenn sie als Ästling von den Eltern außerhalb des Nestes noch eine Weile gefüttert werden. Altvögel machen vor allem mit ihrem durchdringenden Geschrei auf sich aufmerksam, wenn sie sich gestört fühlen oder ein Feind im Anflug ist.

Ein Amsel-Männchen auf Regenwurm-Pirsch, 07.05.2017, Göhren/Mecklenburg-Vorpommern.
Ein Amsel-Männchen auf Regenwurm-Pirsch, 07.05.2017, Göhren/Mecklenburg-Vorpommern.

Dass Amseln so häufig vorkommen, liegt übrigens vor allem daran, dass sie Allesfresser sind. Ihr Speiseplan reicht von Insekten, Regenwürmern, jungen Eidechsen und Schnecken über Beeren und Früchte bis hin zu Aas. Wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet, werden sie sogar zum Nesträuber wie Nebelkrähe, Eichelhäher oder Eichhörnchen es sind. Die Kreativität bei der Nahrungssuche findet ihr Spiegelbild in der Auswahl des Nistplatzes. Alles, was einigermaßen Deckung und Halt für das Nest gibt, wird genutzt. Und wenn es keinen Baum oder Busch gibt, tut es auch eine Fensternische oder ein Hohlraum in irgendeiner Mauer. Sehr beliebt sind dichte Hecken und mit Efeu oder Wildem Wein bewachsene Mauern oder Zäune, in denen das Amselnest bestens versteckt, vor Wettern geschützt und für Feinde nur schwer erreichbar ist. Und Feinde haben Amseln mehr als genug. Zu ihnen gehören die bereits erwähnten Nebelkrähen, Eichelhäher und Eichhörnchen, die es auf die Eier sowie die Jungvögel abgesehen haben. Nebelkrähen und Eichelhäher sind übrigens sehr ausdauernd, wenn es darum geht, Vogelnester auszuspähen. Sie beobachten sehr genau, wo die Altvögel hinfliegen und machen sich dann über die Nester her, wenn die Altvögel auf Nahrungssuche sind. Rabenvögel beobachten außerdem akribisch, was Menschen so tun. Wenn Sie ein Vogelnest entdecken und Rabenvögel in der Nähe sind, sollten Sie einfach weitergehen. Nehmen Sie das Nest vor den Augen der Rabenvögel ins Visier, können Sie sicher sein, dass die Vögel genau dort nachschauen, wo Sie hingesehen haben, sobald Sie weg sind. In Gebieten, in denen es eine hohe Bestandsdichte an Rabenvögeln gibt, haben es übrigens nicht nur die Amseln, sondern auch alle anderen Singvögel sehr schwer, ihren Nachwuchs erfolgreich großzuziehen.

Amsel-Weibchen auf seinem Nest in einem Ligusterbusch, 31.03.2021, Staaken/Berlin.
Amsel-Weibchen auf seinem Nest in einem Ligusterbusch, 31.03.2021, Staaken/Berlin.

Eichhörnchen gehen ebenfalls auf die Suche nach Vogelnestern. Ich habe schon mehrmals Eichhörnchen beobachtet, die ganz gezielt alle Plätze abgesucht haben, an denen sich Nester befinden könnten, z.B. Baumhöhlen oder Mauernischen und -spalten. Marder und Waschbären sind ebenfalls ständig auf der Suche nach Vogelnestern, während sich Habicht, Sperber oder Mäusebussard auch so manche Amsel greifen. Neben den Fressfeinden gibt es noch ein paar andere Faktoren, die den interessanten Vögeln hierzulande zusetzen. Vorneweg der Mensch mit der Landschaftszerstörung durch die konventionelle Landwirtschaft und seine Bautätigkeit. Das fängt schon bei der Hecke im Garten an, die durch eine pflegeleichte, blickdichte Begrenzung aus Plastik ersetzt wird, wie es derzeit immer mehr in Mode kommt. In einer Plastikfolie kann kein Vogel brüten! Und in einer Plastikfolie gibt es weder Beeren noch Insekten, die unseren Vögeln sommers wie winters als Nahrung dienen! In Gebieten, die lange brach lagen und nun neu bebaut werden, ist außerdem zu beobachten, dass am Ende lediglich einzelne Bäume stehen bleiben dürfen und die komplette Strauch- und Krautschicht für immer verschwindet. Damit gehören auch Vögel wie die Amsel, Rotkehlchen, Nachtigall und Co. in unserem Umfeld der Vergangenheit an. Gar nicht so selten finden Amseln außerdem durch Autos den Tod, weil die Vögel die Angewohnheit haben, Straßen im Tiefflug zu überqueren und dabei leicht mit Autos kollidieren. Trockene, heiße Sommer setzen den liebenswerten Vögeln ebenfalls zu, weil es nicht genügend Nahrung, vor allem die für die Jungenaufzucht wichtigen Regenwürmer gibt. Und nicht zuletzt führt das aus Afrika eingeschleppte Usutu-Virus immer wieder dazu, dass ganze Amselpopulationen verschwinden.

Badendes Amsel-Männchen, 05.06.2016, Staaken/Berlin.
Badendes Amsel-Männchen, 05.06.2016, Staaken/Berlin.

Gartenbesitzern wird nicht neu sein, dass Amseln sehr zutraulich werden können. Neugierig beobachten sie alles, was in ihrem Revier vor sich geht. Ein frisch gemähter Rasen oder ein aufgelockertes Beet ziehen sie magisch an, denn dort kommt durch die Gartenarbeit so allerlei Nahrung zum Vorschein, vor allem Regenwürmer, Raupen und Schnecken. Apropos Schnecken: Die Amseln auf unserem Grundstück fressen auch Nacktschnecken, die vor dem Auffressen lange im Sand hin- und hergewälzt werden, um den Schleim zu entfernen. Haben sich Amseln erst einmal an die Gartenbesitzer gewöhnt, lassen sie sich weder bei der Nahrungssuche noch beim Gesang stören. Kaum ein Vogel kann so häufig und so gut beobachtet werden wie die Amsel, wenn die Bedingungen passen. Wer einen halbwegs naturnahen Garten besitzt, wird nicht lange auf ein Amselpärchen warten müssen. Amseln brüten übrigens mehrmals im Jahr. In das napfförmige Nest werden 4 bis 5 bläuliche, gesprenkelte Eier gelegt, aus denen nach ungefähr 14 Tagen der Nachwuchs schlüpft. In einem vogelfreundlichen Garten sind (katzensichere) Nistmöglichkeiten wie dichte Hecken, Büsche oder eben von Efeu oder Wildem Wein berankte Flächen ein Muss. Pflanzenvielfalt sorgt für Insekten, Samen und Beeren. Amseln lieben die blauen Beeren des Efeus oder der Schlehe genauso wie die roten des Weißdorns oder Hagebutten - Gewächse, die mit ihren Blüten und Früchten jeden Garten zieren. Aber auch Obst wie Kirschen, Pflaumen oder Äpfel ziehen Amseln magisch an. Wer Amseln im Winter etwas Gutes tun möchte, sollte immer reichlich Äpfel an den Bäumen hängen lassen. Falls kein Apfelbaum vorhanden ist, kann man auch Äpfel an einer Schnur in die Zweige hängen. Ein gesunder Boden, der regelmäßig mit Wasser versorgt wird, sorgt für Regenwürmer und andere Leckerbissen. Und nicht zu vergessen: Die Vogeltränke, die Amseln nicht nur brauchen, um ihren Durst zu stillen. Amseln lieben es nämlich, ein ausgiebiges Bad zu nehmen und es macht unglaublich viel Freude, ihnen dabei zuzusehen.

Kämpfende Amsel-Männchen, 24.05.2016, Staaken/Berlin.
Kämpfende Amsel-Männchen, 24.05.2016, Staaken/Berlin.

In Bezug auf ihre persönliche Badestelle verstehen Amseln keinerlei Spaß, das sei gesagt. Wenn sie sich dazu entschlossen haben, in einer Vogeltränke oder Pfütze ein Bad zu nehmen, werden andere Vögel ohne Wenn und Aber vertrieben. Egal, ob es Schlamm sammelnde Mehlschwalben, durstige Kernbeißer oder Nebelkrähen sind. Eine Amsel möchte ihr Bad ungestört genießen. Amseln sind außerdem regelmäßige Besucher von Futterhäusern, wobei sie ungern ins Futterhaus fliegen. Besser ist eine Bodenfutterstelle, also ein Platz, an dem man das Futter auf dem Boden verteilt. An den Futterstellen verhalten sich Amseln meist friedfertig untereinander und anderen Vögeln gegenüber. Zumindest im Winter, einer Jahreszeit, in der sich zu unseren Stadtamseln viele Amseln gesellen, die den Rest des Jahres in ihrem ursprünglichen Lebensraum, dem Wald verbringen. Ganz anders sieht es aus, wenn es im Frühjahr um ihre Reviere und die holde Weiblichkeit geht. Amselmännchen können sich stundenlang verfolgen und miteinander kämpfen, wobei es richtig zur Sache geht und auch mal die Federn fliegen. In guten Amseljahren habe ich schon bis zu 8 Amselmännchen beobachten können, die leidenschaftlich und wenig zimperlich ihre Streitigkeiten austrugen, sich gegenseitig belauerten und verfolgten oder miteinander kämpften. Hat sich ein Männchen für ein Weibchen entschieden (oder umgekehrt), wird das Objekt der Begierde nicht mehr aus den Augen gelassen. Ob bei der Futtersuche oder beim Sammeln von Nistmaterial - das Männchen ist stets in der Nähe und greift sofort ein, sobald ein Konkurrent auftaucht. Wo Amsel leben, ist also immer etwas los und es winken dem Beobachter viele interessante Beobachtungen. Einen kleinen Einblick geben die nachfolgenden Fotos. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Betrachten und viele eigene Amselerlebnisse.

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Amseln lieben Obst und Beeren