Die Blaumeise (Parus caeruleus)


Blaumeise, 19.08.2020, Bullengraben/Berlin.
Blaumeise, 19.08.2020, Bullengraben/Berlin.

Die kleine Blaumeise (Parus caeruleus) ist einer der farbenprächtigsten Vögel Europas; ihr überwiegend blau-gelbes Gefieder ist einzigartig in der Vogelwelt unseres Kontinents. Hätte die Blaumeise die Größe eines tropischen Papageis und wäre noch dazu selten oder gar vom Aussterben bedroht, würde sie wohl permanent bewundert, bestaunt und beschützt. Aber so, gerade mal 10 bis 12 Gramm schwer und noch dazu Allerweltsvogel, der überall vorkommt ... Nur wenige Menschen machen sich die Mühe, eine Blaumeise genau zu betrachten. Doch obwohl nicht jeder das Aussehen einer Blaumeise im Detail studiert: Blaumeisen gehören zu den bekanntesten Singvögeln unserer heimischen Vogelwelt. Und es gibt leidenschaftliche Blaumeisenfans, bei denen die niedlichen Vögel im Nistkasten auf dem Balkon oder im Garten brüten und inbrünstig umsorgt werden. Doch dazu später mehr. Kehren wir erst einmal zum Aussehen der Blaumeise zurück. Die Kopfplatte ist blau, das Gesicht weiß. Ein schwarzer Augenstreif geht im Nacken in ein tief dunkelblaues Halsband über und vollendet den kontrastreich gefärbten Kopf. Die Brust ist überwiegend gelb mit weißlichen Anteilen und einem schmalen dunklen Streifen in der Mitte des Bauches. Flügel und Schwanz sind typisch blaumeisenblau, der Rücken grünlich. Auf den Flügeln befindet sich eine weiße Binde. 

Blaumeise, 01.04.2016, Bullengraben/Berlin.
Blaumeise, 01.04.2016, Bullengraben/Berlin.
Blaumeise, 02.04.2017, Prerow/Mecklenburg-Vorpommern.
Blaumeise, 02.04.2017, Prerow/Mecklenburg-Vorpommern.

Die Geschlechter voneinander zu unterscheiden, ist nahezu unmöglich, finde ich jedenfalls. In den Büchern steht, dass die Kopfplatte des Männchens leuchtend blauer gefärbt und der schwarzer Halsring breiter ist als beim Weibchen. Diese Merkmale im Gelände unterscheiden zu können, ist eine Kunst für sich und ich habe da so meine Schwierigkeiten. Da der Nestbau den weiblichen Vögeln vorbehalten ist, dürfte es sich bei der Blaumeise mit dem Nistmaterial im Schnabel zweifelsfrei um ein Weibchen handeln. Immerhin.

Blaumeisen-Weibchen mit Nistmaterial, 05.04.2020, Staaken/Berlin.
Blaumeisen-Weibchen mit Nistmaterial, 05.04.2020, Staaken/Berlin.
Ein Blaumeisen-Weibchen sammelt Tierhaare, 06.04.2024, Hahneberg/Berlin.
Ein Blaumeisen-Weibchen sammelt Tierhaare, 06.04.2024, Hahneberg/Berlin.

Damit sich ein Blaumeisenpaar findet, ist es übrigens völlig ohne Belang, was wir Zweibeiner sehen oder nicht sehen, denn ein Blaumeisenweibchen sieht bedeutend mehr als wir. Vogelaugen besitzen die Fähigkeit, UV-Strahlen wahrzunehmen und in eben diesem ultravioletten Licht werden die Farben der männlichen Kopfplatte reflektiert und verstärkt. Hat das anvisierte Männchen noch dazu ein prächtig ausgefärbtes Gefieder, insbesondere eine tiefgelbe Brust, steht dem Vogelglück nichts mehr im Weg. Kräftige Farben signalisieren Gesundheit, Vitalität und Stärke. Ein leuchtend buntes Gefieder von Kopf bis zum Schwanz macht einen Blaumeisenmann also für die Weibchen zum attraktiven Objekt der Begierde. Jungvögeln fehlen die blauen Farbtöne anfangs völlig. Sie tragen ein überwiegend gelblich-grünes Gefieder, welches sich mit zunehmendem Alter den Farben der Altvögel annähert. Da Blaumeisennachwuchs wie viele andere Jungvögel ziemlich früh das Nest verlässt - oft schon, bevor sie flügge sind -, sind sie häufig zu beobachten und verraten ihre Anwesenheit durch die ausdauernden Bettelrufe nach Futter. Wie schon im Nest kümmern sich Blaumeiseneltern aufopferungsvoll um ihren Nachwuchs, der sie nach einiger Zeit begleitet, um sich alles Wichtige von den Altvögeln abzuschauen.

 

Blaumeisennachwuchs, der gerade das Nest verlassen hat, 02.06.2022, Staaken/Berlin.
Blaumeisennachwuchs, der gerade das Nest verlassen hat, 02.06.2022, Staaken/Berlin.
Bettelnde Jungvögel im Geäst eines Baumes, 10.06.2024, Lobbe/Mecklenburg-Vorpommern.
Bettelnde Jungvögel im Geäst eines Baumes, 10.06.2024, Lobbe/Mecklenburg-Vorpommern.

Links bettelnder Jungvogel, rechts Altvogel, 10.06.2024, Lobbe/Mecklenburg-Vorpommern.
Links bettelnder Jungvogel, rechts Altvogel, 10.06.2024, Lobbe/Mecklenburg-Vorpommern.
Die Jungvögel werden noch eine Weile außerhalb des Nestes gefüttert, 10.06.2024, Lobbe/Mecklenburg-Vorpommern.
Die Jungvögel werden noch eine Weile außerhalb des Nestes gefüttert, 10.06.2024, Lobbe/Mecklenburg-Vorpommern.

Links Altvogel, rechts Jungvogel - Blaumeisennachwuchs wird außerhalb des Nestes noch eine Weile von den Eltern versorgt, 22.05.2020, Bullengraben/Berlin.
Links Altvogel, rechts Jungvogel - Blaumeisennachwuchs wird außerhalb des Nestes noch eine Weile von den Eltern versorgt, 22.05.2020, Bullengraben/Berlin.
Junge, bereits flügge gewordene Blaumeisen im typischen Jugendkleidüben ihre Kletterkünste, 08.07.2015, Hahneberg/Berlin.
Junge, bereits flügge gewordene Blaumeisen im typischen Jugendkleidüben ihre Kletterkünste, 08.07.2015, Hahneberg/Berlin.

Als Lebensraum bevorzugen Blaumeisen waldähnliche Habitate: lichte Laubwälder, Parkanlagen, Gärten mit Baumbestand, Friedhöfe. Unabdingbar sind Laubbäume, insbesondere Eichen, da sich die Vögel vom Frühjahr bis in den Herbst überwiegend von winzigen Schmetterlingen und vor allem deren Raupen ernähren und damit auch die Jungen füttern. Daneben werden Spinnen, Käfer und andere kleine Tiere wie Blattläuse gefangen - eben alles, was in den Schnabel einer Blaumeise passt. Blaumeisen mögen außerdem Nektar und Pollen und man kann sie deshalb im Frühling oft in blühenden Salweiden oder Obstbäumen rumturnen sehen.

Blaumeisen lieben Nektar und Pollen und tauchen deshalb zeitig im Jahr an blühenden Salweiden auf, 03.04.2021, Flugfeld Staaken/Berlin.
Blaumeisen lieben Nektar und Pollen und tauchen deshalb zeitig im Jahr an blühenden Salweiden auf, 03.04.2021, Flugfeld Staaken/Berlin.
Gehölze werden akribisch nach Insekten abgesucht - der Hauptnahrung von Blaumeisen, 03.09.2021, Hahneberg/Berlin.
Gehölze werden akribisch nach Insekten abgesucht - der Hauptnahrung von Blaumeisen, 03.09.2021, Hahneberg/Berlin.

Blaumeisen-Nachwuchs wird ausschließlich mit Raupen gefüttert, 16.05.2017, Staaken/Berlin.
Blaumeisen-Nachwuchs wird ausschließlich mit Raupen gefüttert, 16.05.2017, Staaken/Berlin.
Blaumeisen-Pärchen an der Nisthöhle in einer Robinie, 30.04.2020, Hahneberg/Berlin.
Blaumeisen-Pärchen an der Nisthöhle in einer Robinie, 30.04.2020, Hahneberg/Berlin.

Die im Habitat vorhandenen Bäume müssen den Höhlenbrütern außerdem die passenden Nistmöglichkeiten bieten, nämlich verlassene Spechthöhlen oder andere Hohlräume, auf deren Boden das Nest aus trockenen Grashalmen, Moos, Federn und beispielsweise Schafswolle gebaut wird. Sind die Jungen geschlüpft, befinden sich beide Elternvögel im Dauerstress. Solange das Weibchen die Jungvögel hudert, muss das Männchen allein für Nahrung sorgen und übergibt diese am Nisthöhleneingang dem Weibchen. Anschließend füttern beide Elternteile, das heißt, alle paar Minuten fliegt einer der Altvögel den Nistplatz an, um die Jungen zu füttern oder Kot aus dem Nest zu enternen. Dabei sind sie stets auf der Hut vor Feinden wie Rabenvögeln, Katzen, Eichhörnchen und Kohlmeisen (Parus major). Gesagt sei, dass es Nesträubern nur selten gelingt, ein Blaumeisennest zu plündern, weil das Einflugloch gerade mal den Umfang einer Blaumeise aufweist, so dass den etwas größeren Kohlmeisen der Zugang verwehrt ist.

Ein Altvogel verlässt die Nisthöhle in einem alten Baumstamm, 15.05.2017, Staaken/Berlin.
Ein Altvogel verlässt die Nisthöhle in einem alten Baumstamm, 15.05.2017, Staaken/Berlin.
Der ständig bettelnde Nachwuchs sitzt fast schon im Einflugloch, 16.05.2017, Staaken/Berlin.
Der ständig bettelnde Nachwuchs sitzt fast schon im Einflugloch, 16.05.2017, Staaken/Berlin.

Beliebte Nistmöglichkeiten sind außerdem Mauerspalten und -löcher, Briefkästen und andere Behausungen, die witterungsgeschützt und nur durch einen kleinen Eingang erreichbar sind. Sehr beliebt sind bei Familie Blaumeise außerdem Nistkästen - ich erwähnte das ja oben schon einmal. Egal, ob an den Bäumen im Garten, auf dem Friedhof, in Parkanlagen oder sogar auf dem Balkon: Es dauert meist nicht lange, bis ein Blaumeisenpärchen darin seinen Nachwuchs aufzieht. Vorausgesetzt, der Nistkasten hängt erstens in der richtigen Höhe und am passenden Platz und hat zweitens ein nicht zu großes Einflugloch. 

Ein Altvogel verlässt den Nistplatz in einer Mauerritze, 23.03.2019, ehemaliges Krankenhaus West-Staaken/Berlin.
Ein Altvogel verlässt den Nistplatz in einer Mauerritze, 23.03.2019, ehemaliges Krankenhaus West-Staaken/Berlin.
Auch auf diesem Foto befindet sich der Nistplatz in einer Mauerritze, 13.03.2022, ehemaliges Krankenhaus West-Staaken/Berlin.
Auch auf diesem Foto befindet sich der Nistplatz in einer Mauerritze, 13.03.2022, ehemaliges Krankenhaus West-Staaken/Berlin.

Da Blaumeisen keine Zugvögel sind und sich das gesamte Jahr über bei uns aufhalten, sind sie zahlreiche und regelmäßige Besucher von Futterhäusern und Meisenknödeln oder Nusstangen. Entweder schnappen sie sich blitzschnell eine Erdnuss oder einen Sonnenblumenkern oder sie hängen sich an die aufgehängten Leckerbissen. Erdnüsse und Sonnenblumenkerne werden mit den Krallen gehalten und geschickt zerkleinert bzw. aufgebrochen. Erstaunlich, was ein so kleiner Schnabel wie der der Blaumeise alles kann. Die Zahl der Blaumeisen kann in manchen Wintern übrigens beachtlich sein, nämlich dann, wenn sich Zugereiste aus anderen Gefilden zu den einheimischen Blaumeisen gesellen.

Blaumeisen sind bei der Nahrungssuche artistische Kletterkünstler, 25.03.2022, Bullengraben/Berlin.
Blaumeisen sind bei der Nahrungssuche artistische Kletterkünstler, 25.03.2022, Bullengraben/Berlin.

Das Anhängen an Meisenknödel und Nusstangen übrigens bereitet den Vögeln keinerlei Mühe, denn Blaumeisen sind geborene Artisten, was das Klettern angeht. Auf der Suche nach Beute aller Art turnen sie wie kein anderer Vogel im Geäst der Bäume herum, hängen kopfüber an einem einzelnen Blatt oder machen einen Spagat zwischen zwei dünnen Ästen. Im Winter suchen die gefiederten Akrobaten abseits menschlicher Futterdarbietungen an den Stängeln krautiger Pflanzen aus dem Vorjahr oder an Schilfhalmen nach überwinternden Insekten, fressen aber auch Samen und Beeren. Die akrobatischen Darbietungen bei der Nahrungssuche macht ihnen jedenfalls so schnell kein anderer Vogel nach. Wenn man Blaumeisen in den frühlingsgrünen Laubbäumen beobachtet, fällt einem zudem auf, wie wunderbar sie mit ihrem farbenprächtigen Gefieder getarnt sind. Zwischen den Blättern und Zweigen, im Spiel von Licht und Schatten fallen sie erst auf, wenn sie sich bewegen oder ihr wohltönendes, zwitscherndes Lied singen. Die Blaumeise ist zwar klein, aber ein großes Wunder der Natur. Ein liebenswerter, hübscher Vogel, den zu beobachten sich immer lohnt.

Blaumeise und Kohlmeise

Blaumeise, 24.02.2017, Staaken/Berlin.
Blaumeise, 24.02.2017, Staaken/Berlin.
Kohlmeise, 24.03.2020, Staaken/Berlin.
Kohlmeise, 24.03.2020, Staaken/Berlin.